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D-Day. Kriegsentscheidung am Atlantik

von Norman Fryre

Die These »Seemacht schlägt Landmacht« fand in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs vielfach Bestätigung, zumal die Flotten der Briten und Amerikaner die Meere weitestgehend beherrschten. Zunächst zielten die Kriegsschiffseinheiten auf Nordafrika, dann auf Sizilien. Dort gelang den Anglo-Amerikanern der Sprung in die Festung Europa. Es folgte die Landung bei Salerno, am weichen Stiefel Italiens, und schließlich die beiden Landungen in der Normandie im Juni und im Süden Frankreichs im August 1944. Die Landung in Nordafrika beendete das deutsch-italienische Abenteuer an der afrikanischen Gegenküste des Mittelmeeres. 130.000 deutsche Soldaten gingen den bitteren Weg in die alliierte Gefangenschaft. Etwa 19.000 verbluteten in den Weiten dieses Kriegsschauplatzes. Das Ergebnis dieses vom italienischen Verbündeten  inszenierten Krieges war insbesondere für die an zwei Fronten kämpfende deutsche Wehrmacht von größter Tragweite. Mussten doch nur wenige Monate zuvor über 90.000 Soldaten beim Fall von Stalingrad den Weg in russische Gefangenschaft antreten. Diese nicht mehr ersetzbaren Verluste sollten im Kriegsjahr 1944 sowohl für das bedrängte   Ost- als auch für das rasch zusammengewürfelte Westheer verhängnisvolle Folgen haben. Die Überdehnung der Fronten und das starre Festhalten an einmal gewonnenem, fremden Boden, der Kampf gegen Partisanen und die zunehmende Erschöpfung der Ressourcen der Achse zeigten überdeutlich, dass das Kriegsglück Berlin und Rom den Rücken zugewandt hatte.

Die Gefahr der Einkreisung schwebte wie ein Damoklesschwert über dem Deutschen Reich: So war für die Wehrmacht durch den Aufbau einer neuen Front in Italien schon ein weiterer unerfreulicher Kriegsschauplatz entstanden, bei dem man befürchtete, die feindlichen Truppen könnten in Eilmärschen nach Norditalien vorrücken und dann über Triest direkt an die deutschen Grenzen stoßen. Der Weg ins Reich wäre dann vom Süden her schon im Spätherbst 1943 offen gewesen. Dies unterblieb jedoch. Die seit 1942 von den Alliierten vorbereitete Invasion in Nordfrankreich aber würde über Sieg oder Niederlage entscheiden. Das war auch der deutschen Führung bewusst. Damit wäre eine dritte Front entstanden, nämlich das Reich mit seiner offenen Westflanke, die in dieser Breite kaum über eine längere Zeit hätte erfolgreich verteidigt werden können.

Diese Sorge trieb verständlicher Weise die deutschen Militärs um. Die große Frage war: Wo wird die anglo-amerikanische Armada vor Anker gehen? Vom Nordkap bis zum Golf von Biskaya hatten die beiden Seemächte die Wahl. Die Landmacht Deutschland musste an dieser endlos langen Küste überall bereit sein, einen allein  durch seine Truppenmassierung wie durch seine Flexibilität überlegenen Gegner zurückzuwerfen. Der Blick der Wehrmachtsführung hatte sich also nicht mehr nur auf den Osten, sondern auch auf die entstehende Westfront zu richten. Der Balkan gewann wieder an Bedeutung. Norwegen geriet erneut ins Blickfeld – hier befürchtete Hitler eine alliierte Landung; gleichzeitig konnte ein Kriegseintritt Schwedens erfolgen. Südfrankreich spielte  ebenso      eine Rolle in   den Planspielen wie die der Britischen Insel gegenüberliegende Normandie. Hier bewahrheitete sich das alte Sprichwort: »Wer gezwungen wird überall stark zu sein, ist es schließlich nirgendwo.«

Mit der beinahe unlösbaren Aufgabe, an allen bedrohten Punkten der Atlantikküste wenigstens ein Minimum an Verteidigungsbereitschaft sicherzustellen und den Atlantikwall in Gänze zu überwachen, beauftragte Hitler Feldmarschall Rommel mit der Überwachung der Verteidigungsanlagen am Atlantikwall. Dank seinem zupackenden Temperament gelang es dem Feldmarschall binnen Kurzem, wesentliche Lücken zu schließen und mit einfachen Mitteln etwaige Landungsversuche, wenn schon nicht zu unterbinden, dann wenigstens zu erschweren. Auch im Festungsbau ist in kürzester Zeit Beachtliches geleistet worden. Hier waren insbesondere die Organisation Todt und Albert Speer gefragt. Der Atlantikwall war also kein Phantom; einige der Stützpunkte blieben sogar bis zum 8. Mai 1945 in deutscher Hand.

Atlantikwall
Atlantikwall

Schon ab den Wintermonaten 1943/44 wurde die große Landung der Alliierten erwartet. Man beobachtete intensiv den Schiffsverkehr von den USA an die englische Küste, erkannte die Zusammenballung der anglo-amerikanischen Flotte sowie die laufenden Verstärkungen an Truppen. Die Meteorologen berechneten „kritische Tage“, an denen man eine Landung an der Atlantikküste zu erwarten hatte, wobei die Gezeitenverhältnisse als Anhaltspunkte dienten.

Anfangs befürchtete Hitler eine Landung im Mittelmeerraum oder sogar auf dem Balkan( – sie sollte erst im August 1944 in Südfrankreich stattfinden), nicht zuletzt in Erinnerung an die gewaltigen Schiffsbewegungen in Nordafrika. Außerdem vermutete man während mehrerer Monate das Hauptquartier General Eisenhowers in Gibraltar, was für eine Aktion im Mittelmeerraum gesprochen hätte.

Im Anschluss an eine Besichtigungsreise an die Atlantikküste im Januar 1944 hielt General Jodl im Februar  vor einem Kreis von Reichsministern und Staatssekretären einen Vortrag in Berlin. Er gab sich zuversichtlich über die deutsche Abwehrkraft im Westen. Das Bild der Zahlen gab ihm Recht. Am Tag der Invasion standen nämlich rund zwei Millionen deutsche Soldaten in Frankreich. Der Fehler der Rechnung  hatte freilich Ursachen. Zum einen mangelte es dramatisch an geeigneten Luftstreitkräften. Die Alliierten hatten die absolute Luftoberhoheit errungen. Die Folge war, dass Erdbewegungen von Infanterie oder Verlegungen von Panzertruppen nur in der Nacht noch möglich waren. Zum anderen aber setzte sich die Zahl von zwei Millionen Mann vorrangig aus Mannschafts-und Offiziersbeständen zusammen, die seit 1940 für Besatzungsaufgaben eingeteilt waren. Sie besaßen keinen Kampfwert, wie es in den kritischen Wochen jener Katastrophenstimmung im Sommer 1944 kennzeichnend war, wurden jedoch den später kämpfenden Einheiten zugerechnet. Das gravierende Missverhältnis zwischen den sog. „Verpflegungsstärken“ und den tatsächlichen Kampfstärken der deutschen Verbände war ein Problem, das ein Merkmal moderner Armeen zu sein scheint. Der gewaltige technische Apparat steht in keinem Verhältnis zur Stärke kämpfender Einheiten.

Was die Abwehrstrategie einer Invasion in Frankreich betraf, so gab es im FHQ mehrere Pläne. Generalfeldmarschall von Rundstedt, OB West, wollte den Gegner ruhig landen lassen, um ihn dann im Landesinneren zu schlagen. Dieser Plan fand nicht Hitlers Zustimmung. Rundstedt galt als übervorsichtig und womöglich für diese kriegsentscheidende Aufgabe bereits überfordert. Hitler hingegen hielt es für äußerst chancenreich, den Gegner direkt am Strand zu schlagen. Feldmarschall Rommel, dem er sofortige und energische Handlungen zutraute, beauftragte er mit der unmittelbaren Truppenführung an der Atlantikküste. Am entscheidenden Tag war Rommel jedoch nicht auf seinem Posten. Er war nach Herrlingen bei Ulm zum Geburtstag seiner Frau gefahren und kam erst 24 Stunden später auf seinen Gefechtsstand. Dieses Verhalten wurde im FHQ mit Missfallen quittiert, zumal der 6. Juni im Vorfeld von den Meteorologen als ein „kritischer“ Tag angesehen worden war.

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Invasion in der Normandie 6.6.1944 (c) Wikipedia

In Kürze entstand jedoch eine Lage, die Rundstedt vorausgesehen hatte. Die Alliierten hatten auf dem Festland Fuß gefasst und konnten ihren Brückenkopf ausbauen. Angesichts der absoluten Luftüberlegenheit und der Schiffsartillerie der Gegner war jede Truppenbewegung bei Tageslicht unmöglich geworden.

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D-Day (c) Wikipedia

Hinzu kam, dass gewisse Militärkreise eine weitere Landung bei Calais befürchteten und deshalb starke Einheiten sowie Panzertruppen in den entscheidenden Stunden, weit entfernt von der Küste, in Wartestellung verblieben. Es gibt durchaus massive  Anhaltspunkte, dass insbesondere bei „Fremde Heere West“ Kräfte wirkten, die zum Kreis des Widerstandes zählten und ein Ende des Krieges im Westen erreichen wollten. In diesem Zusammenhang sollen seitens führender Militärs auch Waffenstillstandsgespräche mit den Westalliierten  geführt worden sein.Wer vom Zusammenbruch Frankreichs im Sommer 1944 spricht, darf das Thema des 20. Juli nicht verschweigen. Sowohl der Militärbefehlshaber Frankreichs, General Carl Heinrich von Stülpnagel, als auch sein Stab waren in dieses Unternehmen verwickelt.  Sein Sohn, den der Verfasser im Sommer 2004 kennenlernte – er war im Juli 1944 im Stab seines Vaters in Paris gewesen – , erklärte auf Befragen, dass dieser über das erfolgte  Attentat auf Hitler wütend gewesen sei, und zwar aus zwei Gründen. Einerseits hätte der Widerstand bei etwaigen Verhandlungen nach der geglückten Landung der Alliierten keinerlei Trümpfe in der Hand gehabt. Andererseits hätte man besser das sichere Kriegsende abwarten sollen, da man die wichtigen Köpfe der Opposition für die Zeit nach der Kapitulation bei einem Neuanfang dringender gebraucht hätte, als Emigranten aus London, New York oder Moskau. Feldmarschall Rommel wurde ebenfalls mit dem  Attentat vom 20.Juli in Verbindung gebracht. Feldmarschall von Kluge, den Hitler kurz vor Beginn der Invasion zum Nachfolger Rundstedts ernannt hatte, wurde im FHQ als ein Mann der Verschwörung betrachtet. Ihm wurde der Durchbruch der Alliierten bei Avranche  angekreidet. Nach geringen Anfangserfolgen der Wehrmacht wurden die versammelten deutschen Kräfte vom Gegner umfasst. Die Deutschen konnten sich nur noch unter Zurücklassung des Gerätes und – ihres Kampfgeistes nach Osten in Richtung Reichsgrenze durchschlagen. Sie gaben damit das Signal zur fast völligen Auflösung, in der die meisten Teile des deutschen Westheeres im August / September 1944 ins Reich zurückfluteten.  Feldmarschall von Kluge  wurde  von Hitler, der Verrat befürchtete, mit Wirkung  zum 17. August abgesetzt und am 19. August  nach Berlin befohlen. Der Feldmarschall verübte unterwegs Selbstmord. In einem Brief versicherte er Hitler seine Treue und forderte  den Führer  und Reichskanzler auf, den Krieg zu beenden.

Es darf nicht vermutet werden, dass in den Aktivitäten der höheren militärischen Führung im Westen Absichten wirksam waren, die den Maßnahmen der kämpfenden Truppe zuwiderliefen. Aber es darf dennoch nicht ausgeschlossen werden, dass der Zusammenbruch in Frankreich auch das Ergebnis einer Atmosphäre gewesen ist, die einer energischen Gegenwehr abhold war und stattdessen eher einer Niederlage zuneigte, weil ein Erfolg nicht in den Bereich der bestehenden politischen Pläne aller Generale passen konnte. Diese in Berlin und Rastenburg angestellten Überlegungen betraf in keiner Weise die bis zum Letzten kämpfende Truppe, der nach dem Krieg sowohl von Franzosen als auch vom ehemaligen Gegner großer Respekt gezollt wurde.

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Invasion in der Normandie (c) Wikipedia

Am 6. Juni 1944 sollten die ersten V1 gestartet werden. Wegen Reparaturarbeiten verzögerten sich die ersten Abschüsse bis zum 12. Juni. Zur Überraschung führender Generale des Westheeres wurden sie nach London geschickt, anstatt diese auf die Invasionsflotte zu lenken. Dort hätten sie wesentlich größere Erfolge erzielen können als durch das Bombardement der britischen Hauptstadt. Zudem hätten sie mit Sicherheit eine nicht zu unterschätzende Entlastung für die hart kämpfenden Soldaten bedeutet. Der Oberbefehlshaber der Wehrmacht aber wollte – als Reaktion auf die Bombenangriffe der anglo-amerikanischen Luftflotten auf die deutsche Zivilbevölkerung – gegen alle Widersprüche die Angriffe der V1 auf London konzentrieren. Für Experten, die um die dichte Staffelung der Feindverbände vor der Küste wussten und sich ausmalen konnten, was hier niedergehende V1 bewirken würden, waren die Folgen zweifelsfrei: gegen sie gäbe es nicht einmal die Möglichkeit eines Stoppens durch Spitfires, denn die Distanz zwischen Abschussbasen und den Zielen war zu gering. Angriffe auf die anglo-amerikanische Armada hätten es dem Gegner unmöglich gemacht, den benötigten Nachschub aufs Festland zu schaffen und hätten mit ziemlicher Sicherheit  eine Entscheidung zu Gunsten der Deutschen herbeigeführt. Das Scheitern der Invasion wiederum hätte eine grundlegende Änderung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges bedeutet.

Amerikanischer Soldatenfriedhof
Invasion 1944
(c) Wikipedia

Unter dem Codenamen »Operation Bagration“, so benannt nach einem verdienstvollen russischen General während des Krieges gegen Napoleon 1812, griff am 22. Juni 1944 die Rote Armee mit 2.500.000  Mann die vier Armeen der Heeresgruppe Mitte in Weißrussland an. 2.500.000 Mann, unterstützt von 67.500 Panzern und Sturmgeschützen, sowie 45.000 Geschützen und Granatwerfern aller Kaliber traten gegen die deutsche Wehrmacht an. Diese konnte nur 450.000 Mann gegenhalten, zudem geschwächt durch die Verlegung des LVI. Panzerkorps an die  Heeresgruppe Nord. Was kommen musste, kam: In wenigen Wochen wurde die Heeresgruppe Mitte überrannt. Die Verluste waren schrecklich: sie verlor innerhalb weniger Wochen 250.000 Mann. Die Sowjets nahmen etwa 90.000 Gefangene. Die Katastrophe hatte ihre Ursache vor allem in den dramatischen Fehlbeurteilungen des Oberkommandos des Heeres (OKH). Auch hier gibt es Vermutungen, dass dieser nicht zu ersetzende Verlust an Menschen, Geräten und Raum seine Ursache in den Reihen der militärischen Opposition gegen das NS-Regime hat.

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Ostfront August 1943-Dezember 1944 (c) Wikipedia

Beides zusammen, die Tragödie im Westen und die Katastrophe im Osten zeigten unmissverständlich, dass der Krieg für die deutsche Seite verloren war. Im Frühjahr 1945 sagte Hitler im Führerbunker im eingeschlossenen Berlin zu Generaloberst Alfred Jodl: >Ich hätte mich bei Verlassen der Wolfsschanze schon erschießen sollen.< Am  20.November 1944,als Hitler sein Hauptquartier in Ostreußen  für immer verlassen hatte, war die deutsche Niederlage angesichts eines überlegenen Gegners, der in Ost und West  an den Grenzen des Reiches stand, bereits mit Händen zu greifen. Doch machte nicht die in Casablanca erhobene Forderung nach der „Bedingungslosen Kapitulation“ der Achsenmächte eine Fortsetzung des Krieges für den Führer unabdingbar?