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„Unbayrische“ Steilvorlage von Weidel für Merkel und CSU-Strategen

Alice Weidel hat Angela Merkel und Markus Blume (CSU) eine Steilvorlage geliefert.
Zum Anhören für die Fangemeinde ein Genuss, eine fulminante Abrechnung über unsere grundlegenden Interessen und Vermögensfragen, aber die Skeptiker, die man gewinnen müsste, werden durch nebensächliche Tabubrüche auf Distanz gehalten oder gebracht.
Die CSU kann aus diesem Auftritt Honig saugen. Das war „unbayerisch“, keine Liberalitas Bavariae, kein Aufstand der Vernünftigen.
Weidel stigmatisiert „Kopftuchmädchen“, indem sie sie unter dem Oberbegriff „Taugenichtse“ in eine Reihe mit „Messermännern“ stellt.
Hysterische Reaktionen der buntrepublikanischen Leitkultur sind vorhersehbar und im Kern berechtigt.

CSU: „Mit Glatzen, AfD und NSU und dergleichen Schmutz kein Staat zu machen“

Die Antirassismuskommission der UNO (CERD, Wächterin über die von der BRD unterzeichneten UN-Antirassismuskonvention) hat Deutschland 2012 (auf Betreiben des Deutschen Instituts für Menschenrechte) gerügt, weil es Thilo Sarrazin wegen „Kopftuchmädchen“ nicht anklagte. Dies zu Unrecht, denn Sarrazin verwendete das Wort, anders als hier Weidel, gar nicht stigmatisierend.

Mit ihrem Einspruch gegen Schäubles Rüge kocht Weidel ein Thema weiter hoch, bei dem es weder für sie noch für uns etwas zu gewinnen gibt.  Ihre Karten sind noch schlechter als die eines CSU-Generalsekretärs Markus Blume, der erklärte, mit „Glatzen, AfD und NSU und sonstigen Dumpfbacken“ sei kein Staat zu machen. Anders als „AfD“ sind „Kopftuchmädchen“ nämlich eine religiös, geschlechtlich und im Effekt ethnisch gekennzeichnete Gruppe.

Es kann nur herauskommen, dass Alice Weidel die Kopftuchmädchen mit ihrer mündlichen Rede, egal welche syntaktischen Deutungsmöglichkeiten man in Betracht zieht, unter die Verbrecher und Taugenichtse einordnet und dass sie auf Applaus von einer breiten Netzgemeinde für diesen (politisch eher sinnlosen und womöglich strafrechtlich relevanten) Tabubruch spekuliert haben muss.

SPD-OB: „Glatzen, Springerstiefelmänner und NSU und dergleichen Pack brauchen wir nicht“

Die Frage kann allenfalls sein, ob wir unbedingt so entgeistert auf Stigmatisierungen jeder Art reagieren müssen, wie die UNO-AntirassistInnen das fordern. Von SPD-Oberbürgermeistern hören wir z.B. regelmäßig Redewendungen wie die folgende:

„Glatzen, Springerstiefelmänner und NSU und dergleichen Pack brauchen wir nicht!“

Man mag Springerstiefelmänner als bedrohlich empfinden, aber das gilt nicht für Thor-Steinar-Trägerinnen, die „Endstation Rechts“ (SPD-bezahlte Spitzel- und Denunzianten-Plattform) ebenfalls aufgrund eines herbeigeredeten Symbolgehaltes stigmatisieren und verbieten will.

Was aber ist das Kopftuch anderes als das Symbol einer totalitären Subversion unseres Gemeinwesens? Von „Flagge des islamistischen Kreuzzuges“ spricht Alice Schwarzer. Warum muss eine Politreligion so viel besser behandelt werden als eine Politideologie?
Das Volksempfinden muss hier erst mal nicht differenzieren.
Es bleibt allenfalls die Frage, ob man solchem Volksempfinden mal so beiläufig in der Bundestags-Bütt Luft machen sollte.

Büttenrede statt Merkeljagd

Bei Weidel-Rede realitätsabgewandt: Claudia Roth zeigt die Bunte Haltung https://vk.com/wall-113930409_6582

Auch sonst hat Alice Weidel an einigen Stellen im Stile einer Büttenrede Themen miteinander vermengt und auf Applaus einer johlenden Netzgemeinde geschielt, statt beim Thema Bundeshaushalt zu bleiben und als Oppositionsführerin mit punktgenauen Vorwürfen und Nachfragen die Bundeskanzlerin in die Enge zu treiben.
„Merkel jagen“ geht anders.
Weidel verhalte sich prollig, weil die AfD vom „Flügel“ getrieben werde und sich dafür entschieden habe, auf Spaß statt auf Oppositionsarbeit zu setzen. So analysiert Robin Alexander (Autor von „Die Getriebenen“) im Video die Lage.

Wir erleben seit den prolligen Interventionen von Stephan Protschka immer wieder AfD-Redner im Bundestag, die ohne Rücksicht auf die im Bundestag zur Verhanldung anstehende Agenda Wutreden halten, um bei gleichgesinnten Zuschauern irgendwo im Netz Resonanz zu erzeugen.

Narrensaum kämpft zum Schluss „gegen Rechts“

Es besteht die Gefahr, dass die AfD zunehmend als Dumpfbackenpartei wahrgenommen wird. Leute wie Thilo Sarrazin halten sich vorsichtig fern, andere rümpfen vorsorglich über „braunen Schmutz“ die Nase, und irgendwann ist die Partei sturmreif und läuft wie ein Hühnerhaufen auseinander. Allen voraus die heutigen Johler. Den letzten beißen die Hunde. Wir kennen den Weg früherer Parteien rechts der CSU.  Die sind nicht gescheitert, weil sie wirklich „Nazis“ gewesen wären, sondern weil ihnen der Sinn für Verhaltensregeln und soziale Hygiene fehlte. Wer seinen Narrensaum füttert, muss am Schluss „gegen Rechts“ kämpfen.
Wir haben nie gezögert, sachlich begründete Positionen wie die von Björn Höcke zum „Ausbreitertyp vs Platzhaltertyp“ oder zum buntrepbulikanischen Schuldkult („Denkmal der Schande“) zu verteidigen.   Wir kämpfen „für Rechts“ und daher gegen Dumpfbackigkeit und gegen den Narrensaum, der (auch laut Thilo Sarrazin) jede rechte Partei befällt.   Der Auftritt von Weidel lässt sich gegen die Kritik von Robin Alexander nicht verteidigen, und, anders als bei manchen früheren teilweise dubiosen Auftritten von Alexander Gauland ist hier kein vielversprechender Gegenangriff möglich.  Zur Schadensbegrenzung taugt am ehesten eine schnelle Entschuldigung.

Negativwerbung verscheucht Wähler

Typisches blaues Bildchen mit Negativbotschaft, Logo und Konterfei. Es geht um legale Einreise, Quellen werden nicht genannt
Typisches blaues Bildchen mit Negativbotschaft, Logo und Konterfei. Es geht um legale Einreise, Quellen werden nicht genannt

Eigentlich muss die AfD keine Wutreden halten, von Stigmatisierungen ganz zu schweigen.  Im Gegenteil erzeugt jedes blaue Bildchen mit Wutlyrik, AfD-Logo und Weidel-Konterfei nur den Eindruck, dass von der AfD Wut, Negativität und Unheil kommt, zu dem man Distanz wahren möchte.  Der flüchtige Leser nimmt unterbewusst nur die Negativität wahr und assoziiert sie mit „AfD“.    Auch das ist heute eine werbepsychologische Binsenweisheit.  CDU-Plakate strahlen aus gutem Grund nichts als Optimismus aus.  Das mag man hohl finden, aber die Werbepsychologen wissen, wie man die begrenzte Fläche eines Plakates am besten nutzt.   Auch Markus Blume, der von „braunem Schmutz“ redet, tut dies als Marketing-Experte.  Negativität ist aus Marketing-Sicht schon per se Schmutz.

Notwendig ist es, die AfD mit konstruktiver Parlamentsarbeit und wegweisenden Konzepten in Verbindung zu bringen.  Den Rest besorgt dann der vorhandene Leidensdruck, der ohnehin viel stärker als jede Wutrede ist.

Zuletzt beklagten sich schon alternative Medien wie Jouwatch und PP über die Neigung der AfD, mit ihnen in Konkurrenz treten statt sich gegenseitig ergänzen zu wollen.   Auch hier dürfte der Kern in der irrationalen Neigung der AfD liegen, sich durch Wutreden Aufmerksamkeit verschaffen zu wollen, statt ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen.

Anhang

Rechtfertigungsversuche von Jürgen Fritz

Jürgen Fritz referiert und bejubelt die Rede von Alice Weidel. Gegen die Rüge von Schäuble bringt er wortreiche Argumente vor, die am Wesentlichen vorbei gehen. Weidel stellt nämlich, wie auch immer man es dreht und wendet, „Kopftuchmädchen“ mit „Messermännern“ und „anderen Taugenichtse“ in eine Reihe. Das ganze folgt einem mündlichen Redestil, in dem eine Aufzählung mehrere „und“ haben kann. Wenn man schriftlichen Stil zugrunde legen würde, wäre es stilistisch schlecht. Daher bleibt die syntaktische Deutung, wonach „Taugenichtse“ sich nur auf „Messermänner“ bezöge, unschlüssig. Es mag letztlich dahingestellt bleiben. Völlig belanglos ist wiederum, dass der von Sarrazin vorgebildete Leser die „Kopftuchmädchen“ als Hinweis auf ein Gesellschaftsphänomen  versteht und folglich die Kopftuchträgerinnen selbst gar nicht gemeint seien.  Auf die Wirkung beim Hörer kommt es an. Der bejubelten Rednerin ist eine Fähigkeit zur Abschätzung dieser Wirkung zu unterstellen. Der Text ordnet die Kopftuchmädchen in eine stigmatisierte Kategorie ein, und daraus bezieht er ein beträchtliches Zustimmungspotenzial.  Es besteht ein beträchtliches Stimgatisierungsinteresse, und dies durchaus auch aus den von Sarrazin beschriebenen Gründen.  Reden, die unbeliebte Gruppen irgendwie zum Abschuss freigeben, bekommen regelmäßig besonders viel Resonanz. So war es auch stets bei den fraglichen Reden von Alexander Gauland (z.B. zur Entsorgung von Özoğuz nach Anatolien).  Stigmatisierung lässt aufhorchen.  Auch diejenigen, die kaum einer Rede zu folgen in der Lage sind, erregen sich da plötzlich.  Sei es be- oder entgeistert.  Deshalb ist es auch belanglos, ob die Stigmatisierung das Hauptziel oder nur ein Nebenaspekt von Weidels Rede war.

Zugleich müssten intelligente Zeitgenossen wissen, dass Weidels Vorgehen, so sehr es auch Aufmerksamkeit generieren kann,  eine (un)politische Sackgasse ist.  Die AfD ist längst über das Stadium eines Heinz Meyer hinausgekommen, der für Pegida München e.V. Aufmerksamkeit jeder Art um jeden Preis wollte.

Selbstenlarvende AfD-Fangemeinde

Die AfD-Fangemeinde liebt Weidels gerügtes Zitat nachweislich gerade wegen seiner stigmatisierenden Nebenbedeutung. Lässt dafür sogar das „und“ weg, mit dem Weidel sich herausreden wollte. Wie dumm kann man sein? Welcher Bürgerliche mag sich damit noch assoziieren, fragt auch gerade der FDP-Spitzenkandidat Martin Hagen.
Andreas Püttmann twittert:

Was für ein Klassenunterschied zwischen Weidel und #Merkel! Die Kanzlerin löst sich oft vom Manuskript, brilliert mit Sachkenntnis quer durch die Politikbereiche bis ins technische Detail, differenziert, engagiert, souverän, humorvoll. Nach der verspannten Vorrednerin ein Genuss.

Das AfD-Filterblase belächelt das auf eigene Gefahr.
Focus feiert die Kopftuch-Modeschöpferin Sara Naggar und meint mit ihr, Kopftuchmädchen hätten Deutschland nach dem Krieg aufgebaut. Warum versucht man nicht, Thor Steinar ähnlich zu feiern?
Welt-Chefredakteur Jacques Schuster nennt Weidel einen „sprechenden Kühlschrank“ und freut sich, dass der rhetorisch unvergleichlich raffiniertere FDP-Chef Christian Lindner der AfD jetzt ihr Leib- und Magen-Thema wegnimmt.
Franz Josef Strauß belebte den Bundestag bisweilen mit rustikalen Sätzen wie: „Es strömen die Tamilen zu Tausenden herein, und wenn sich die Situation in Neukaledonien zuspitzt, dann werden wir bald die Kanaken im Land haben.“