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Hitlers Vabanque-Spiele oder: Der größte Verlierer alle Zeiten

von Herwig Schafberg

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Von Herwig Schafberg, So. 01. Sep 2019, Titelbild: Smithsonian Channel-Screenshot

Heute vor 80 Jahren, am 1. September 1939, ließ Adolf Hitler, der „Führer“ des nationalsozialistischen Deutschland, unbeirrt von britischen und französischen Drohungen die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschieren. Zwei Tage später machten die Briten – kurz nach ihnen auch die Franzosen – ihre Drohungen wahr und erklärten dem Deutschen Reich den Krieg, falls die deutschen Truppen sich nicht zurückzögen. Reichsmarschall Hermann Göring mahnte den „Führer“, sich nicht auf ein Vabanque-Spiel einzulassen. Doch Hitler entgegnete: „Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt!“. Damit hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Herwig Schafberg blickt zurück.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs

Dass Hitler immer Vabanque spielte, hatte er zumindest ab seiner Machtübernahme als Reichskanzler im Januar 1933 gezeigt und dabei seine Fähigkeit zur Täuschung von Menschen im In- und Ausland bewiesen. In seinem Buch „Mein Kampf“, das er nach der Machtübernahme in millionenfacher Auflage drucken sowie verteilen ließ, waren seine politischen Zielen deutlich formuliert: Denen zufolge hätte die

„nationalsozialistische Bewegung… unser Volk und seine Kraft zu sammeln zum Vormarsch auf jener Straße, die aus der heutigen Beengtheit des Lebensraumes hinausführt zu neuem Grund und Boden…“ und insofern „den Blick nach dem Land im Osten“ zu richten.

Dort standen ihm aber der polnische Staat und darüber hinaus der sowjetrussische  „Bolschewismus“ im Wege, hinter dem er ebenso wie hinter dem Finanzkapital von London und New York das Judentum als treibende Kraft wähnte.

Dass er seine Ziele nicht ohne Krieg erreichen könnte, dürfte jedem klar geworden sein, der dieses Buch gelesen hatte. Doch im Mai 1933 verkündete Hitler im Reichstag, dass Krieg ein untaugliches Mittel wäre, um „an die Stelle des Schlechten von Heute das Bessere von Morgen zu setzen“; denn ein Krieg würde „das europäische Gleichgewicht noch tiefer erschüttern und noch mehr Keime des Unfriedens und Hasses säen“, möglicherweise sogar zu einem „kommunistischen Chaos“ führen. Die Abgeordneten, zu denen damals noch Sozialdemokraten gehörten, vernahmen es mit Freude und stimmten einer inhaltlich darauf basierenden Resolution zu.

Im Ausland nahm man Hitlers Rede und die Resolution mit Erleichterung zur Kenntnis. Dass insbesondere der französische Ministerpräsident von Hitlers vermeintlichem Friedenswillen beeindruckt war, fand der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels verwunderlich:

„1933 hätte ein französischer Ministerpräsident sagen müssen (und wäre ich französischer Ministerpräsident gewesen, ich hätte es gesagt): Der Mann ist Reichskanzler geworden, der das Buch ‚Mein Kampf‘ geschrieben hat… Der Mann kann nicht in unserer Nachbarschaft geduldet werden. Entweder er verschwindet, oder wir marschieren,“ notierte Goebbels zu Beginn des Zweiten Weltkrieges: „Man hat darauf verzichtet. Man hat uns gelassen, man hat uns durch die Risikozone ungehindert durchgehen lassen, und wir konnten alle gefährlichen Klippen umschiffen, und als wir fertig waren, gut gerüstet, besser als sie, fingen sie den Krieg an.“

Neben Völkermord und anderen Kriegsverbrechen gehörte es zu Hitlers größten Fehlern, dass er die Briten falsch einschätzte

Ja, Frankreich und Großbritannien hatten es „ungehindert durchgehen lassen“, dass Adolf Hitler entgegen den Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles mit der Aufrüstung der deutschen Streitkräfte begann, und sich durch den  Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Polen täuschen lassen (1934), als ob Hitler mit diesem Pakt seinen Plänen zur Unterwerfung Osteuropas abgeschworen hätte. Und sie schritten auch nicht gegen die vertragswidrige Besetzung des Rheinlands (1936) sowie Österreichs (1938) ein.

Münchner Abkommen. Von links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano. Im Hintergrund (zwischen Hitler und Mussolini) Ribbentrop und Weizsäcker, dann rechts Saint-John Perse.
Bundesarchiv, Bild 183-R69173 / CC-BY-SA 3.0

Sie stimmten sogar dem Anschluss sudetendeutscher Gebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich zu (1938), um den Krieg zu vermeiden, auf den Hitler planmäßig hinwirkte und seine Anfänger unter Vortäuschung der Urheberschaft offen vorbereitete (30. Januar 1939):

„Wenn es dem internationalen Judentum… gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Erst als dieser Vabanque-Spieler nach den Sudeten- auch die restlichen Gebiete der Tschechei okkupieren ließ (1939), sah der britische Premierminister Neville Chamberlain ein, dass er mit Zugeständnissen Hitler nicht zum Maßhalten bewegen könnte und insofern mit seiner „Appeasement“-Politik gescheitert wäre. (Rede in Birmingham am 17. März 1939)

Zu den leitenden Maximen der britischen Außenpolitik gehörte es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, für eine „Balance of Power“ in Europa zu sorgen, damit keine europäische Großmacht stark genug wäre, um es mit den Briten und deren Weltreich aufnehmen zu können.

Nachdem es lange Zeit Frankreich gewesen war, gegen das Großbritannien in wechselnden Bündnissen mit Österreich, Preußen sowie anderen deutschen Fürstentümern gekämpft hatte, war es nach der Gründung des Deutschen Reiches zunächst das wilhelminische und mittlerweile das nationalsozialistische Deutschland, dem die Briten im Bund mit Frankreich und anderen den Weg zur Hegemonialmacht in Europa versperren wollten.

Die politische Elite in London hatte zwar Hitler lange Zeit gewähren lassen, weil sie das nationalsozialistische Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus und dessen Leitungszentrale in der sowjetrussischen Hauptstadt Moskau schätzten; doch als der deutsche „Führer“ seine Hand nach Polen ausstreckte (1939), nahmen Briten und Franzosen Verhandlungen mit der kommunistisch geführten Sowjetunion auf, um diese für ein Zusammenwirken gegen das expandierende Deutschland zu gewinnen und Polen vor dem deutschen Zugriff zu bewahren.

Während die Westmächte noch mit den Sowjets verhandelten, verständigte sich Hitler mit der von ihm als „Bolschewisten“ geschmähten Führungsclique der Sowjetunion auf einen Nichtangriffspakt  und insgeheim auf die Aufteilung Ostmitteleuropas zwischen den beiden (August 1939).

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Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Von links nach rechts: Hintergrund: Richard Schulze (Ribbentrops Adjutant), Boris Schaposchnikow (Generalstabschef der Roten Armee), Joachim von Ribbentrop, Josef Stalin, Vladimir Pavlov (sowjetischer Übersetzer); Vordergrund: Gustav Hilger (deutscher Übersetzer) und Wjatscheslaw Molotow National Archives & Records Administration, nara.gov Abschluss des Nichtangriffspaktes am 23. August 1939.

Da Deutschland der Sowjetunion weit entgegen gekommen war, die sowjetische Führung vermutlich aber Hitlers Vision vom „Lebensraum“ im Osten kannte, argwöhnte der sowjetische Diktator Josef Stalin, dass der deutsche „Führer“ ihm Ostpolen und das Baltikum nur überlassen hätte, um es der Sowjetunion wegzunehmen, wenn er den Konflikt mit den beiden Westmächten überstanden hätte. Stalin behielt sich vor, präventiv in diesen Konflikt einzugreifen, wenn es ihm günstig erschien, während Adolf Hitler der Hoffnung war, durch den Nichtangriffspakt die Westmächte vom Kriegseintritt zugunsten Polens abhalten zu können.

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1.9.1939 Die SCHLESWIG-HOLSTEIN beschießt die Westerplatte.

Neben Völkermord und anderen Kriegsverbrechen gehörte es zu den größten Fehlern des Vabanque-Spielers Hitler, dass er die Briten falsch einschätzte.

Angriff auf die Sowjetunion, ohne England besiegt zu haben, Kriegserklärung an die USA, ohne die Sowjets besiegt zu haben

Er hätte die Briten eigentlich lieber als Verbündete denn als Kriegsgegner gehabt, wenn sie seine Ansprüche auf „Lebensraum“ im Osten sowie auf Kolonien in Afrika akzeptiert hätten, und war böse überrascht, als diese – gefolgt von den Franzosen – Deutschland den Krieg erklärten, nachdem die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert war. Die Reaktion der Westmächte bewahrte Polen allerdings nicht vor der Besetzung durch deutsche und später – im Osten des Landes – auch durch sowjetische Truppen; denn die britischen sowie französischen Streitkräfte beließen es in Westeuropa bei der Befestigung von Stellungen, die jedoch nicht standhielten, als die Wehrmacht im Frühjahr 1940 angriff, Holland, Belgien sowie Frankreich überrannte und die Truppen der Westmächte bis an den Ärmelkanal drängte, von wo nur wenige Truppenteile auf die britischen Inseln entkommen konnten.

War Hitler davon ausgegangen, dass die Briten nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht um Frieden bitten würden, hatte er sich getäuscht.  „The Battle of France is over, the Battle of Britain has begun,” verkündete der neue britische Premierminister Winston Churchill. Er schwor seine Landsleute darauf ein, zu Lande, zu Wasser sowie in der Luft weiter zu kämpfen, und beteuerte: „We shall never surrender!“ Wollten die Deutschen auf den britischen Inseln landen, um die Briten zu bezwingen, müßten sie erst einmal die Lufthoheit gewinnen und die Royal Airforce überwinden; doch die wehrte sich gegen die deutsche Luftwaffe „with growing confidence“ – so Churchill – und konterte die Bombardierungen englischer Städte mit Bombenangriffen auf deutsche Städte, die im Laufe des Krieges immer verheerender wurden.

„Hitler knows that he must break us or he will fall“, mutmaßte Churchill in seiner „Finest hour“-speech.  Doch der wollte sich nicht länger auf Kämpfe im Westen fokussieren, sondern drängte auf Krieg gegen die Sowjetunion, um endlich seine Vision vom „Lebensraum im Osten“ zu verwirklichen.

Da sein italienischer Bündnispartner Benito Mussolini mit seinen Invasionen auf dem Balkan und in Nordafrika in Bedrängnis geraten war, kam Hitler ihm auf jenen Kriegsschauplätzen im Frühjahr 1941 zu Hilfe und verschob den Feldzug gegen die Sowjetunion auf den Sommer in der Erwartung, daß die Wehrmacht die sowjetische  „Rote Armee“ vernichtet hätte, bevor es Winter würde und Kämpfe im verschneiten Rußland unmöglich wären. Zwar wurden in den Kesselschlachten zu Beginn des Feldzuges Millionen sowjetischer Soldaten aus dem Feld geschlagen und die „Rote Armee“ immer weiter zurückgedrängt; sie wurde aber nicht vernichtet – und als der Winter anbrach, kamen die deutschen Offensiven vor den Toren Moskaus und Leningrads zum Stehen. Das hielt den „Führer“ allerdings nicht davon ab, vorwitzig zu verkünden, daß „dieser Feind… besiegt“ wäre und „nicht wieder aufstehen“ würde.

Obwohl die Deutschen im Sommer 1941 die Sowjets angegriffen hatten, ohne Frieden mit den Briten zu haben, traten sie Ende 1941 auch noch an der Seite Japans in den Krieg gegen die USA ein, ohne die Sowjets überwunden zu haben. 

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Franklin D. Roosevelt unterzeichnet die Kriegserklärung der USA an Deutschland. Bild: Wikipedia

Hitler hoffte, dass die Briten klein beigeben würden, wenn er die Sowjetunion unterworfen hätte, und rechnete nun auch noch damit, dass er dieses geschafft hätte, bevor die USA kriegsbereit wären. Aber der Vabanque-Spieler täuschte sich: Der deutschen Wehrmacht gelangen zwar 1942 noch weitere Vorstöße im Osten, die Sowjetunion ging jedoch nicht unter. Im gleichen Jahr brachten die USA die japanische Expansion im Pazifischen Raum bei den Midway-Inseln zum Stillstand und begannen,Truppen sowie Material zur Unterstützung ihrer britischen und sowjetischen Kriegsverbündeten über den Atlantik zu schaffen.

Churchill und Roosevelt 1943 Konferenz von Casablanca
Bild: Wikipedia

Nachdem die Amerikaner und Briten 1943 ihre deutschen und italienischen Gegner aus Afrika vertrieben hatten und dann in Italien gelandet waren, wurde  Mussolini von seinen Gefolgsleuten gestürzt und Italien daraufhin von der Wehrmacht besetzt, soweit das Land noch nicht von den Alliierten eingenommen war. Die westlichen Alliierten rückten allerdings weiter vor und drängten die deutschen Truppen – nach der Landung in der Normandie im Sommer 1944 – auch in Frankreich immer weiter zurück.

Der Vormarsch der Alliierten wurde begleitet von Bombenangriffen, von denen viele deutsche Städte in Schutt und Asche gelegt wurden.

„Unsere Städte bauen wir wieder auf,“ ließ Hitler 1944 aus seinem Luftschutzbunker wissen, während Tausende seiner Landsleute unter Trümmern begraben waren: „Mögen sie zerstören, so viel sie wollen!“

Der größte Verlierer aller Zeiten

Als die nationalsozialistische Propaganda viele Deutsche noch auf den „Endsieg“hoffen ließ, war die Wehrmacht sowohl im Westen als auch im Osten längst auf dem Rückzug. Mit der deutschen Niederlage in Stalingrad (Januar 1943) hatte sich das Kriegsglück gewendet und die Panzerschlacht im Kursker Bogen (Juli 1943) zeigte, dass die sowjetischen Streitkräfte ihren deutschen Gegnern mittlerweile überlegen waren. Hatten Hitler und seine willigen Helfer den Eroberungskrieg im Osten zur Unterdrückung der mehrheitlich slawischen Bevölkerung und zur Vernichtung der Juden geführt, hinterließen die Deutschen nun „verbrannte Erde“, als sie vor den Russen Schlacht für Schlacht zurückweichen mussten.

Allen Rückschlägen zum Trotz dachte Hitler nicht daran, den Kampf aufzugeben. Als die westlichen Alliierten am Rhein und die „Rote Armee“ an der Oder standen, schickte er ältere Männer und halbwüchsige Knaben in den Kampf, weil die Zahl der getöteten Soldaten nicht mehr durch Männer im wehrfähigen Alter ausgeglichen werden konnten, und erklärte: Wenn das deutsche Volk nicht stark und opferbereit genug wäre, um für seine Existenz bis zum Sieg zu kämpfen, dann hätte es verdient, von einer stärkeren Macht vernichtet zu werden. Er dagegen wollte nicht von der Hand seiner siegreichen Gegner sterben, sondern erschoss sich am 30. April 1945 während der Kämpfe um Berlin und überließ es den Generälen, die ihrem „Führer“ bis zuletzt blind und treu gefolgt waren, am 8. sowie 9. Mai 1945 vor den Alliierten bedingungslos zu kapitulieren.

Hatte Hitler sich nach den Anfangserfolgen im Krieg als „größter Feldherr aller Zeiten“ feiern lassen, war der Vabanque-Spieler am Ende wohl eher der größte Verlierer aller Zeiten.

Liest man die Liste an Medikamenten, von denen Hitler im Laufe des Krieges immer mehr zu sich nahm, drängt sich die Frage auf, inwieweit er zurechnungsfähig war, wenn er Entscheidungen fällte und so tat, als hätte er Trümpfe in der Hand, die er noch ausspielen könnte. Das könnte man auch in Bezug auf seine Gefolgsleute fragen, von denen es nicht bloß der morphiumsüchtige Hermann Göring war, der bis kurz vor dem Ende des nationalsozialistischen Regimes den Eindruck erweckte, als wäre von Hitler Heil zu erwarten. Und sie waren nicht alle Junkies.

Demgegenüber war Hitlers großer Gegenspieler Churchill zwar Alkoholiker, schien aber im Großen und Ganzen Herr seiner Sinne zu sein, auch wenn er sich vielleicht realitätsferne Illusionen über die weitere Bedeutung des Königreiches machte, als er seinen Landsleuten in Aussicht stellte, daß man von ihnen in Erinnerung an ihre erfolgreichen Kampf um Britannien gegen die deutsche Übermacht eines Tages sagen würde: „This was your finest hour!“

Nachdem das „Großdeutsche Reich“ vernichtet war, gab es in Europa wieder ein Gleichgewicht der Kräfte, bei dem die Briten allerdings nicht mehr das Zünglein an der Waage waren, sondern lediglich Juniorpartner der westlichen Führungsmacht USA gegenüber dem sowjetisch dominierten Ostblock.

*

Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert. Zuletzt erschien von ihm sein Buch Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern.

Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern

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Der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Eine differenzierte Betrachtung.

von HW Ludwig

zuvor veröffentlicht auf „Fassadenkratzer

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Deutsche Soldaten stellen die Zerstörung eines polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach, 1. September 1939 Hans Sönnke – Jerzy Piorkowski (1957) Miasto Nieujarzmione, Warschau: Iskry, S. 8 no ISBN Główny Zarząd Polityczny WP (1960) Z Dziejów Wojny Wyzwoleńczej Narodu

Am kommenden 1. September 2019 sind es 80 Jahre her, dass Hitler die deutsche Armee  in Polen einmarschieren ließ und damit – nach Lesart der offiziellen Geschichtsschreibung – den Zweiten Weltkrieg auslöste. Doch die Dinge sind vielschichtiger. Wolfgang Effenberger weist im folgenden Artikel  auf Hintergründe hin, die eine dringende Revision (Überprüfung) der weitgehend von den Siegermächten diktierten Geschichtsschreibung nötig machen. Damit wird nicht versucht – dies scheint nicht unnötig zu betonen – das Nazi-Verbrechersystem zu rechtfertigen, sondern ein Bild aller tatsächlichen Vorgänge zusammenzutragen. (hl)

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Effenberger

Der 1. September 1939 gilt für die westlichen Geschichtsbücher als ultimativer Beginn des 2. Weltkriegs. In der Nacht auf den 1. September 1939 wurde der von der SS inszenierte polnische Überfall auf den oberschlesischen Sender Gleiwitz gemeldet; er wird heute im gleichen Atemzug mit dem sogenannten Tonkin-Zwischenfall vom 4. August 1964 genannt. Einen Tag nach diesem Zwischenfall bombardierte ein amerikanisches Bombergeschwader Hanoi (auch das ist in der kurzen Zeit nur schwer möglich) –  nur Stunden nach dem Überfall auf den Sender Gleiwitz (hier ist ein Kausalzusammenhang völlig unmöglich) marschierte ein Millionenheer in Polen ein. In den frühen Morgenstunden hatte Hitler – ohne Gleiwitz zu erwähnen – verkündet: „Seit 5.45 wird zurückgeschossen“.1

Damit war aber nicht Gleiwitz gemeint. In den Monaten zuvor hatte sich das deutsch-polnische Verhältnis durch intrigante britische Einflussnahme auf die polnische Außenpolitik dramatisch verschlechtert. In der Folge hatte Hitler den mit Josef Pilsudski am 26. Januar 1934 geschlossenen Nichtangriffspakt mit Polen – künftige Streitfragen sollten friedlich gelöst werden – am 28. April 1939 aufgekündigt.  Und das vier Wochen nach der britisch-französischen Garantieerklärung für Polen. Die Spannungen nahmen zu und im Sommer war die Kriegsbereitschaft auf beiden Seiten dramatisch angestiegen.

Der aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammende Journalist Immanuel Birnbaum (1894-1982) – er hatte nach der Machtübernahme Zuflucht in Warschau gefunden – schildert eindrücklich seine Erlebnisse auf der Bahnfahrt im Sommer 1939 nach Riga. In seinem Abteil wurde er Zeuge, wie polnische Offiziere davon schwärmten, „daß sie ein paar Tage nach dem sicher bevorstehenden Kriegsausbruch in Berlin einrücken würden.“2 Für Birnbaum stand der Krieg unverrückbar fest. Schon Ende April 1939 hatte er eine wichtige außenpolitische Erklärung des polnischen Außenministers und Oberst der polnischen Armee Józef Beck für die Basler Nachrichten dahingehend kommentiert, dass ein Krieg durch die Ablehnung der Vorschläge Hitlers unvermeidlich und ein Kriegsausbruch auch zwischen Deutschland und Polens westlichen Verbündeten wahrscheinlich geworden sei.3

Ein noch eindrucksvollerer Zeitzeuge ist der ehemalige polnische Präsident, General Wojciech Witold Jaruzelski (1923-2014). Er beschrieb 1993 in seinen Erinnerungen eindrucksvoll die im Sommer 1939 spürbare  Kriegsatmosphäre:

„Seltsamerweise verbanden die jungen Leute meines Alters damit aber keinerlei Gefühl der Bedrohung oder Gefahr. … Der Erste Weltkrieg war den Polen nicht im Gedächtnis geblieben. Während der Unabhängigkeit mußten sowohl Soldaten, die an der Seite der Alliierten oder in den Reihen der Zarenarmee, als auch diejenigen, die mit den Österreichern gekämpft hatten (die berühmten Legionen von Pilsudski), integriert werden. Der Krieg von 1920 gegen Sowjetrußland wurde als erfolgreich angesehen und hatte ein Gefühl der Unbesiegbarkeit hinterlassen. Immer wieder tauchte dabei dieser Diminutiv (Verkleinerung, Verniedlichung, W.E.) `kleiner Krieg` und die folkloristische Umschreibung des Krieges als Abenteuer auf. Der zweite Grund war die Propaganda des Staates, der Regierung und der Armee. Wir sind eine Macht. Wir sind ein großes Land. Niemand wird uns irgend etwas wegnehmen.“

Und weiter heißt es: „Einmal drangen wir in der Tschechoslowakei ein und nahmen die Region Teschen in Besitz (in Absprache mit Deutschland, das einen Tag zuvor, am 1. Oktober 1938, in das von Deutschen bewohnten Sudetengebiet einmarschiert war, W.E.). Dann richteten wir ein Ultimatum an Litauen, das sich zurückziehen mußte. Überall Defilees und Paraden; eine ständige Zurschaustellung von Macht. Und vor allem eine dauernde Geringschätzung der Kräfte des Gegners. Die Panzer der Deutschen sind aus Pappe, oder sie bleiben im Schlamm und im Sand der polnischen Ebenen stecken. Unsere Kavallerie fegt sie schneller hinweg, als es dauert, diesen Satz zu sagen. Die Bolschewiken zählen sowieso nicht, eine Armee auf tönernen Füßen. Und außerdem haben wir mächtige Verbündete im Westen. Deshalb konnten wir von einem zukünftigen Krieg sprechen, ohne dabei die geringste Bedrohung oder Gefahr zu empfinden. Heute erscheint das unerhört, und wenn ich daran denke, schäme ich mich. Doch damals wünschten wir uns diesen Krieg herbei. Wir konnten endlich zeigen, wozu wir fähig sind, wir würden Helden sein, wir gingen überall hin, wo wir gebraucht würden, um zu kämpfen, und wir würden diesen Deutschen zeigen, mit wem sie es zu tun hatten. Manchmal, wenn wir erfuhren, daß jemand eine neue Friedensinitiative gestartet hatte, oder wenn die Spannungen nachgelassen hatten, fragten wir uns: ´Wozu soll das gut sein?`  Verpassen wir den Deutschen eine Tracht Prügel, marschieren wir nach Berlin und damit Schluß! Unser Alter und eine im wesentlichen romantische Vorstellung von der Geschichte – ´Wie hübsch ist doch der Krieg` – sind die Gründe für diese totale Leichtfertigkeit. Die Wahrheit sollte uns auf grausame Weise aus diesen Träumen reißen. Doch das kam später“.4

Angesichts der Spannungen  zwischen Deutschland und Polen hatten am 25. August 1939 Hitler und Stalin zum Schrecken der Westmächte einen Nichtangriffsvertrag unterzeichnet. Und seither finden sich immer wieder Karten von einer Teilung Polens zwischen Deutschland und der damaligen Sowjetunion. So auch bei Prof. Dieter Blumenwitz.5 Hier verläuft die Teilungslinie entlang der Weichsel und teilt sogar Warschau.
Teilung Polen M3jbj9lIzshbZo-8OFVQ                                Aus: Dieter Blumenwitz a.a.O. S. 64

Doch am 17. September 1939 marschierten die Truppen Stalins nur bis an die sogenannten Curzon-Linie (mit der Grenzstadt Brest-Litowsk, W.E.), die offizielle Nachkriegsgrenze – die auch heute die Westgrenze Russlands zu Polen ist und auf der Konferenz von Jalta (4. Bis 11. Februar 1945) bestätigt wurde.

In der Wochenendausgabe vom 17./18. Januar 1982 hielt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Aktuellen Lexikon unter „Konferenz von Jalta“ die polnischen Grenzverschiebungen fest: „Im Osten behält die Sowjetunion den größten Teil des 1939 annektierten Gebiets“. Die Entstehung der polnischen Ostgrenze von 1939 bleibt unerwähnt. „Soll vergessen sein“, schrieb ich damals in einem Leserbrief an die SZ6, „daß im April 1920 und im Verlauf weiterer Kampfhandlungen die Verbände des Generals Rydz-Smigly die Ukraine besetzten? Der anschließend in Riga (18.3.1921) erzwungene Friedensschluß (die Sowjets waren durch die Konterrevolution geschwächt) verlegte die vom 8.12.1919 festgelegte polnische Grenze um ca. 200 Km nach Osten. Nach Angaben auf Grund polnischer Quellen7 umfaßte die Bevölkerung zwischen der Curzon-Linie und der nunmehrigen polnischen Ostgrenze etwa Millionen Ukrainer und Weißrussen, etwa 1,4 Millionen Juden und nur etwa 1,5 Millionen Polen (insgesamt ca. 12. Millionen, W.E.).“

2013, 74 Jahre nach der Weichenstellung für einen neuen europäischen Krieg, kam der am 25. August 1939 geschriebene Entwurf der Königsrede von König George VI. – in der der Ausbruch des Krieges angekündigt wurde – durch eine Versteigerung bei Sotheby’s an die Öffentlichkeit.8 Sie war am Tag des Hitler-Stalin-Paktes zu Papier gebracht worden. Der frühe Entwurf warf Deutschland vor, ein Tyrann zu sein, der die Welt mit roher Gewalt dominieren wolle, und betonte, dass „wir für die Grundsätze von Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen“.

In der endgültigen Rede, die der König am 3. September der Nation und dem Commonwealth vorlas, war der Ton gleich geblieben, der Inhalt aber teilweise deutlich verändert. Zum Beispiel erwähnte sie Deutschland oder Hitler nicht namentlich, sondern nur „unsere Feinde„.9

Im Kommentar zum frühen Entwurf bei Voltaire-Net wird die Vermutung geäußert, „dass das Vereinigte Königreich, entgegen der offiziellen Version, nicht in den Krieg wegen der Invasion von Polen getreten ist, sie also nur einen Vorwand darstellte, sondern aus anderen Gründen.“10

Betrachtet man die Weltlage von 1937, so verstärkt sich diese Vermutung. Nach einem brutalen Eroberungsfeldzug hatte Italien Abessinien (das heutige Äthiopien, W.E.) niedergeworfen und 1937 ein barbarisches Besatzungsregime aufgezogen – zwischen 150.000 und 700.000 Äthiopier sollen zu Tode gekommen sein.11 Aus diesem italienischen Eroberungskrieg entwickelte sich dann ab 1940 mit Unterstützung Deutschlands der Feldzug in Nordafrika.

Ein weitaus größerer Krieg tobte in Asien. Nachdem Japan die Mandschurei erobert hatte – der Völkerbund hatte sich herausgehalten – starteten die Japaner am 7. Juli 1937 eine umfassende Invasion in China (Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg), die bis Anfang September 1945 dauerte. Japan ging es um die Ausplünderung wichtiger Rohstoffe und die Ausweitung des japanischen Einflusses in China und im gesamten pazifischen Raum. Am 2. September 1945 beendete die Kapitulation des japanischen Kaiserreichs die letzten zwischenstaatlichen Feindseligkeiten des Zweiten Weltkriegs. Der zweite Weltkrieg endete da, wo er seinen Anfang genommen hatte.

Die Ursachen lagen aber noch weiter zurück, denn schon im Versailler Vertrag war der Weg in den Zweiten Weltkrieg gepflastert worden.

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Waffenstillstandsunterzeichnung im Salonwagen von Marschall Foch Maurice Pillard Verneuil – Maurice Pillard Verneuil Bild: Wikipedia

Der französische Marschall Ferdinand Foch (1851-1929) – federführend bei den Waffenstillstandsverhandlungen im November 1918 – kommentierte den Vertrag lakonisch:

„Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre.“12

Allein diese drei Mosaiksteine – Polen, Italien und Japan – lassen vermuten, dass tatsächlich der Zweite Weltkrieg ebenso wie der Erste vielfache und vor allem andere Ursachen hatte, als offiziell zu lesen ist.  Sicher ist, dass dieser Krieg in einem weitaus größeren weltpolitischen und geschichtlichen Zusammenhang zu sehen ist, als bisher angenommen – doch wen interessieren die wahren Zusammenhänge und kann man ihnen überhaupt auf die Spur kommen?

Die Akten zur DEUTSCHEN AUSWÄRTIGEN POLITIK wurden 1945  von den USA, England und Frankreich in Verwahrung genommen und 1955 in „überarbeiteter“ Form zurückgegeben.

Dagegen lagern im Londoner Hanslope Park seit 1856 (Krimkrieg, W.E.) annähernd 1,2 Millionen Dokumente, die niemand einsehen darf.13 Was soll hier verborgen  werden?

Voraussetzung für einen künftigen Frieden ist die genaue, wahrheitsgetreue Aufarbeitung der Vergangenheit. Solange wesentliche Dokumente unter Verschluss gehalten werden, können wir nur versuchen, aus Mosaiksteinen ein Bild zusammenzusetzen. Interessengeleitete Geschichtsinterpretationen und die damit geschürten Emotionen sind jedoch denkbar schlechte Paten für eine objektive, realistische Geschichtsbetrachtung.

Doch der diffamierende Kampfbegriff  „Revisionismus“ ist nicht geeignet, die dringend notwendige, aufrichtige Revision der allseits bekannten Narrative zu fördern.

Anmerkungen

1    Wikipedia – Hitlers Rede vor dem deutschen Reichstag am 1. September 1939
2    Immanuel Birnbaum: Achtzig Jahre dabei gewesen, München 1974, S. 143
3    Wolfgang Effenberger/Reuven Moskowitz: Deutsche und Juden vor 1939, Ingelheim 2013,  S. 453
4    Woijech Jaruzelski: Mein Leben für Polen, München 1993, S. 40/41
5    Dieter Blumenwitz: Denk ich an Deutschland, München 1989, S. 64
6    Wolfgang Effenberger: Polens historisches Schicksal, Süddeutsche Zeitung vom 11.2.1982, S. 36
7    „Polen, Deutschland und die Oder-Neiße-Grenze“; Ostberlin, 1959, S. 863,928f
8    „Der zweite Weltkrieg wurde vor der Invasion von Polen beschlossen“
Voltaire Netzwerk | 12. Dezember 2013 unter www.voltairenet.org/article181442.html       (aufgerufen 17.8.2019)
9   William Turvill: It’s too long-winded! What George VI’s adviser thought of early draft of the King’s Speech, Daily Mail, 24 November 2013
10  „Der zweite Weltkrieg wurde vor der Invasion von Polen beschlossen“
Voltaire Netzwerk | 12. Dezember 2013 unter www.voltairenet.org/article181442.html
(aufgerufen 17.8.2019)
11  Berthold Seewald: Mussolinis Vizekönig verwüstete halb Äthiopien
Veröffentlicht am 16.08.2012 unter www.welt.de/kultur/history/article108645229/Mussolinis- Vizekoenig-verwuestete-halb-Aethiopien.html (aufgerufen am 17.8.2019)12)
12  zitiert in Paul Reynaud: Memoires (1963) Band 2, S. 457
13  „Foreign Office hoarding 1m historic files in secret archive“ unter www.theguardian.com/politics/2013/oct/18/foreign-office-historic-files-secret-archive, (aufgerufen 17. 8.2019)

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Zum Autor:

Wolfgang Effenberger (* 1946) wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bau­ingenieur­wesen und erhielt als junger Pionier­offizier Einblick in das von den USA vorbereitete „atomare Gefechtsfeld“ in Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr studierte er Politik­wissen­schaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik). Er lebt als freier Buchautor bei München. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte und Politik verfasst.

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Der Artikel ist bereits am 18.8.2019 auf „Freie Welt“ erschienen und wird hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors erneut abgedruckt.

Eine wesentliche Ergänzung zu diesem für das Schicksal Deutschlands so wichtigen Thema siehe:
Zwang England Hitler zum Angriff gegen Polen?