Der unsterbliche Präsident – zum Tod des französischen Politikers Valéry Giscard dÉstaing

Ob man Giscard d´Estaing als „Vater des Vertrages von Lissabon“ guten Gewissens unter die Säulenheiligen der Walhalla von Wladiwostok bis Lissabon einreihen sollte, darüber kann man verschiedener Meinung sein. Der Widerstand gegen die Ratifizierung des Vertrags von Lissabon war jedenfalls nicht unerheblich. Gerichtlich ging er durch die Instanzen. In Ländern, wo Volksabstimungen durchgeführt wurden, wie in Frankreich oder in den Niederlanden, rasselte der Vertrag von Lissabon durch wie 1755 das Erdbeben. Zitate von Giscard d´ Estaing lassen erahnen, daß sein Demokratieverständnis dem einer Kanzlerin ähnelt, deren Vater 1954 als Flüchtling von Hamburg unter die Fittiche von Mielke und in den Schoß von Ulbricht antizyklische Neigungen an den Tag legte.

The rejection of the Constitutional treaty by voters in France was a mistake that should be corrected.“ (Giscard d´Estaing)

Public opinion will be led to adopt, without knowing it, the proposals we dare not present to them directly. (…) This approach of ‚divide and ratify‘ is clearly unacceptable. Perhaps it is a good exercise in presentation. But it would confirm to European citizens the notion that European construction is a procedure organised behind their backs by lawyers and diplomats.“ (Giscard d´Estaing)

Nicht weniger pointiert die Stellungnahme von Pat Condell, der den Vertrag von Lissabon nicht als Willen des Volkes, sondern als Entmachting des Souveräns interpretiert:

We no longer enjoy the same liberties Americans do. We don’t have a constitution. We don’t have a First Amendment. What we have, and what the whole of Europe has, is the Lisbon Treaty, a kind of top-down constitution that has been imposed on us against our will. And, unlike the American Constitution which empowers the people, the European constitution dis-empowers the people, and empowers the un-elected bureaucrats and career politicians for whose sole benefit it was created.“

Gemäß dem lateinischen Sprichwort „De mortuis nil nisi bene“

Gedenkstein am Geburtsort von Valéry Giscard d’Estaing in den Rheinanlagen von Koblenz
Holger Weinandt – Eigenes Werk

präsentieren wir nun einen Nachruf von

von Notan Dickerle,  

Anwärter auf den Leuchtturmpreis für mutigen Journalismus gegen “Bunt”

Es gibt nur wenige Menschen, die sich bereits zu Lebzeiten als Unsterbliche bezeichnen dürfen. Valéry Giscard d’Estaing, zwischen 1974 und 1981 dritter Präsident der Fünften Französischen Republik, durfte sich dazu zählen, seit er im Dezember 2003 als Nachfolger des legendären senegalesischen Schriftstellers und Staatspräsidenten Léopold Sedar Senghor auf einen „Fauteuil“, einen Sessel der Académie Francaise gewählt wurde. Die 40 Mitglieder dieser exklusiven Einrichtung werden gemäß der Inschrift eines Siegels von Kardinal Richelieu als „les immortels“ bezeichnet, die Unsterblichen. Giscard lebt also zumindest in einem kulturhistorischen Sinne weiter, auch wenn demnächst in seiner Nachfolge ein neuer Unsterblicher gekürt wird.

Geboren wurde Valéry René Marie Georges Giscard d’Estaing am 2. Februar 1926 in Koblenz, wo sein Vater als Beamter der französischen Besatzungarmee im Rheinland stationiert war. Er gehörte dann zu den letzten Jahrgängen, die noch aktiv am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben; mit den „Forces francaises libres“ nahm er am Vormarsch nach Deutschland teil und rückte am 26. April 1945 im ersten Panzer in Konstanz ein. Doch weder der Krieg noch die Tatsache, daß der Vater seiner späteren Ehefrau in einem KZ umgekommen war, führte bei Giscard zu antideutschen Ressentiments. Im Gegenteil: die deutsch-französische Freundschaft hatte zu keiner Zeit mehr Substanz als in den Jahren des Präsidenten Giscard, der übrigens gut Deutsch sprach und sogar leidlich Englisch. Nach der Wahl zum Nachfolger des verstorbenen Georges Pompidou, die er nur knapp gegen den Kandidaten der Sozialisten, Francois Mitterrand, gewann, bezeichnete er John F. Kennedy als sein politisches Vorbild und auch die Vereinigten Staaten als Modell für ein künftiges vereintes Europa.

Valéry Giscard d’Estaing à la Maison-Blanche avec le président américain, John F. Kennedy, le 24 juillet 1962.
Abbie RoweU.S. National Archives and Records Administration

Es war die Zeit, als der Kalte Krieg und die Furcht vor einem möglichen Ausgreifen der Sowjetunion noch zu Illusionen verleiteten, denen sich auch Giscards politischer Partner und persönlicher Freund jenseits des Rheins, Helmut Schmidt, nicht ganz entziehen konnte.

Valéry Giscard d’Estaing in 1979 with Helmut Schmidt, Jimmy Carter and James Callaghan at the Guadeloupe Conference

Die beiden Politiker prägten in der zweiten Hälfte der 70-er Jahre eine dynamische Europapolitik, kreiierten den Europäischen Rat als Vorläufer einer Wirtschafts- und Währungsunion, installierten das Europäische Währungssystem EWS und legten mit der Rechnungswährung ECU einen Grundstein für die spätere Einführung des Euro. Überhaupt stand Giscard im Ruf eines Modernisierers, der das Volljährigkeitsalter absenkte, das Ehescheidungs- und das Abtreibungsrecht liberalisierte, das Netz der Hochgeschwindigkeitszüge ausbauen ließ und nicht zuletzt an sakrosankten Symbolen wie der „Marseillaise“ oder der Revolutionsikone „Marianne“ rüttelte.

„Les paroles [de la Marseillaise] sont d’un ridicule ! Nicolas Sarkozy et Angela Merkel sont sous l’Arc de triomphe, et on est en train d’abreuver nos sillons d’un sang impur!“

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit schaffte er die offiziellen Feiern zum „Tag der Befreiung“ bzw. „Tag des Sieges“ am 8. Mai ab und führte stattdessen einen „Europatag“ ein. Für Giscard schien es nicht mehr zeitgemäß, den Sieg über ein Nachbarland zu zelebrieren, mit dem Frankreich mittlerweile verbündet und befreundet war. Nachfolger Mitterrand führte die Siegesfeiern wieder ein und auch die „Marianne“ kehrte auf die französischen Briefmarken zurück.

Im Gegensatz zu seinem weit verbreiteten Image eines etwas überheblichen Aristokraten suchte Giscard während seiner Präsidentschaft die Nähe zum Volk und genoß tatsächlich eine gewisse Popularität. Mit seinem Adelsprädikat war es ohnehin nicht weit her: Vater Edmond Giscard hatte den Namenszusatz „d’Estaing“ erst 1922 vom Französischen Staatsrat genehmigt bekommen. Daß es nicht zu einer zweiten Amtszeit kam lag wesentlich an einer Enthüllung des Satiremagazins „Le Canard Enchaîné“, wonach Giscard in seiner Zeit als Wirtschaftsminister vom Diktator der Zentralafrikanischen Republik, Jean-Bédel Bokassa, Diamanten als Geschenk angenommen habe, und der Inkriminierte auf diesen Vorwurf verschnupft reagierte, bevor er sich von seinem Geschenk doch lieber trennte..

Nach dem Wahlsieg Mitterrands 1981 zog sich Giscard zunächst in die Lokalpolitik der heimatlichen Auvergne zurück, bevor er sich wieder der Europapolitik zuwandte: von 1989 bis 1993 war er Mitglied des Europäischen Parlaments und fungierte bis 1997 als Präsident der internationalen Europäischen Bewegung. 2001 wurde er schließlich zum Präsidenten des Europäischen Konvents berufen, der im Juli 2003 den Entwurf für eine europäische Verfassung vorlegte. Giscard d’Estaing wurde für diese Tätigkeit mit dem Karlspreis ausgezeichnet, das Verfassungsprojekt jedoch bei Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt. Man sollte eben das Volk nicht abstimmen lassen, es entscheidet immer nur falsch…

Bei nüchterner Betrachtungsweise muß man feststellen, daß Giscards politische Karriere nach der verlorenen Wahl gegen Mitterrand von 1981 keinen Höhepunkt mehr erreicht hat. Wie sein Freund Helmut Schmidt war er ein hochgeachteter „Elder Statesman“ und begehrter Gesprächspartner, sein politischer Einfluß hielt sich aber in Grenzen. Während Schmidt seine freie Zeit mit Orgel- und Klavierspiel sowie dem Verfassen politischer Sachbücher ausfüllte betätigte sich Giscard als Belletrist und schrieb mehrere Romane. „Die Prinzessin und der Präsident“ wollten einige Zeitgenossen als Indiz für eine Liebesbeziehung des Autors mit Prinzessin Diana interpretieren, dessen Dementi etwas vage ausfiel. Sein letzter Roman mit dem Titel „Loin du bruit du monde“ (Fern vom Lärm der Welt) ist erst vor wenigen Wochen erschienen und war Anlaß für ein letztes Interview (erschienen im „Figaro“ vom 3.11.).

Valérie Giscard d’Estaing ist am Mittwoch, 2. Dezember im Alter von 94 Jahren gestorben – wie fast alle Hochbetagten dieser Zeit „an oder mit Covid“. Er hatte in den letzten Wochen und Monaten wiederholt an Herzproblemen gelitten. Ein gutes Jahr nach seinem Nachnachfolger Jacques Chirac, fünf Jahre nach seinem Freund Helmut Schmidt und fast genau 50 Jahre nach dem Übervater Charles de Gaulle hat uns damit der letzte Präsident verlassen, der das klassische Frankreich mit seiner unverwechselbaren Kultur und Geschichte repräsentierte, der den Krieg noch erlebt hatte und daher wußte, wovon er sprach. Insofern war auch sein ehrlich gemeinter Einsatz für ein Vereintes Europa glaubwürdig. Deutschland und Frankreich waren einander niemals näher als zur Zeit der Präsidentschaft Giscards und werden es voraussichtlich schon wegen der identitären Verwässerung beider Nationen auch nie wieder sein. Merci pour tout, Monsieur le Président, Sie waren für uns Deutsche ein angenehmer und fairer Partner! Und wenn jemand traurig sein sollte kann er sich damit trösten, daß Sie ja zu den Unsterblichen gehören…

5 Gedanken zu „Der unsterbliche Präsident – zum Tod des französischen Politikers Valéry Giscard dÉstaing“

  1. Nicht einer der 300 die die Welt regieren hat je etwas für uns Deutsche übrig gehabt. Alle Verträge und politischen Schachzüge für uns haben sich ganz merkwürdig als gegen uns herausgestellt. Wenn das nicht so ist wie es ist, warum ist es dann so wie es ist? Wir sind Kritiker und Kritiker Punkte vergibt man nicht. Alle hassen uns, jeder Schauspieler ob Film oder Politik, will als Nazi in einem Film mitspielen und dafür noch einen Preis bekommen! Bei zwischenmenschlichen Begegnungen von Franzosen, oder Engländern die gesellschaftlichen Größe „Das Pack“ erfährt man: Die wissen nichts vom zweiten Weltkrieg! Nur die Elite der zweifach vereidigten ausgesuchten Politiker, weiß uns zu hassen. Der erste Eid geht zu den Freimaurern und der zweite auch und niemals zum eigenen Volk!

  2. „Der erste Eid geht zu den Freimaurern …“

    Und woraus wird diese These abgeleitet oder kommen jetzt die Illuminaten und Pyramiden mit dem obenliegendem Allsehendem Auge auf den Dollarscheinen?

  3. Jeder der sich mit den Freimaurern beschäftigt, sich in Ihre Organisation einarbeitet kommt zu dem gleichen Ergebnis. Schon wird es von der Macht als Schwarmintelligenz ausgerichtet. Gegen Germanien wird seit 1618 offiziell Krieg geführt. Alle Kriege haben die Freimaurer geplant und Stauffenberg gehörte auch zu Ihnen. Ein bisschen viele Zufälle als es zu wenige sind. Lies, Reimann „Das versteckte Königreich“ der hat den Prozess gegen Kohl und Weigel gewonnen die abgestritten hatten Freimaurer zu sein!

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