Zwischen Raub-, Beute- und Trophäenkunst. Zum Tod der sowjetrussischen Kunsthistorikerin Irina Antonova

Irina Aleksandrovna Antonova verstarb offiziellen Verlautbarungen zufolge am 30. November 2020 hochbetagt im Alter von 98 Jahren (ihre Mutter erreichte sogar 100 Jahre) an COVID-19 in Moskau. Das Licht der Welt erblickte die hochdekorierte Akademikerin am 30. März 1922 in Moskau. Die Jahre zwischen 1929-1933 verbrachte sie mit ihren Eltern in Deutschland. Ab 1940 studierte Antonova Kunstgeschichte, Philosophie, Literatur und Geschichte, 1941 wechselte sie an die Lomonossow-Universität. Im Großen Vaterländischen Krieg arbeitete sie als Krankenschwester. Wie ihre Geschichte nun weiterging hören wir

von Notan Dickerle,  

Anwärter auf den Leuchtturmpreis für mutigen Journalismus gegen “Bunt”

Sie war eine der letzten Funktionäre, die noch unter Väterchen Stalin gedient hatten und etwas stalinistisch Verbiestertes haftete ihr zeitlebens an. Als der Schatz des Priamos unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit der Sammlung Alter Meister der Gemäldegalerie Dresden von Berlin gen Moskau transportiert wurde, half Irina Antonowa als Mitarbeiterin des Puschkin-Museums bereits beim Packen und bei der Inventarisierung. Während die Sowjetunion die Alten Meister 1956 im Rahmen der sozialistischen Völkerfreundschaft an die DDR zurückgab, blieb der Schatz des Priamos bis zum Untergang des Sowjetreiches verschwunden und galt als verschollen.

Irina Antonowa wußte, daß dem nicht so war. 1961 war sie von Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow zur Direktorin des Puschkin-Museums ernannt worden, ein Amt, das sie erst 2013 im Alter von 91 Jahren abgab. Als die Zeiten mit Glasnost und Perestrojka transparenter wurden, ließ sich der Verbleib des Goldes von Troja in Moskau allerdings nicht mehr verheimlichen. Irina Antonowa reagierte wütend auf entsprechende Veröffentlichungen – wußte sie doch nur zu gut, daß die kriegsbedingte dauerhafte Verbringung von Kulturgütern in andere Länder gemäß Artikel 56 der Haager Landkriegsordnung völkerrechtswidriger Kunstraub ist.

Nichtsdestotrotz wollte sie den Schatz ihrem siegreichen Land aber unbedingt als „Trophäenkunst“ erhalten, als deren Hüterin sie sich betrachtete. Als die Regierung Kohl bei Boris Jelzin die Rückführung nach Deutschland einforderte, organisierte Antonowa den Widerstand durch einen (damals noch analogen) Nazi-Shitstorm, wie wir ihn sonst nur von der anderen Seite des Atlantiks kennen. Wie nicht anders zu erwarten hatte die energische Dame Erfolg: die Duma sprach sich mit großer Mehrheit gegen eine Rückgabe aus, Völkerrecht hin oder her, und Präsident Jelzin zuckte traurig mit den Schultern. Die ihn beratenden neoliberalen „Chicago-Boys“ halfen der deutschen Regierung nicht, die ihrerseits wohl auch keine auf Restitutionsfragen spezialisierte Anwaltskanzlei beauftragte, wie dies die Erben jüdischer Ansprüche gegen deutsche Kunstbesitzer regelmäßig tun. In diesen Fällen handelt es sich allerdings auch um „Raubkunst“, denn Nazis sind Räuber, Sieger machen dagegen Beute – es lebe der kleine Unterschied!

Für eine deutsche Fernsehdokumentation mit dem Titel „Die verlorenen Schätze der Museumsinsel“ darauf angesprochen, warum sie die Existenz von Beutekunstdepots in dem von ihr verwalteten Museum immer verschwiegen habe antwortete Frau Antonowa, die Journalisten hätten sie schließlich nie danach gefragt.

Vladimir Putin applaudiert Irina Antonova

Irina Antonowa, die bis zuletzt den Ehrentitel einer Präsidentin des Puschkin-Museums führte, ist am Montag, 30. November, im Alter von 98 Jahren gestorben.

Sophia Schliemann (gebürtige Engastromenos) wearing the „Jewels of Helen“ excavated by her husband, Heinrich Schliemann, in Hisarlik (photograph taken ca. 1874). Bildquelle: Wikipedia

Den Schatz des Priamos, von Heinrich Schliemann 1873 entdeckt und ausgegraben, hatte dieser übrigens zunächst dem Pariser Louvre und anschließend der Eremitage in St. Petersburg angeboten. Erst nachdem beide Museen ihn nicht haben wollten schenkte er ihn „dem deutschen Volk zu ewigem Besitze“. Inzwischen hat auch Erdogans Türkei Ansprüche auf die griechischen Schätze geltend gemacht… 

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