Wertewesten ehrt Minsker St. Floyd

Gestern führten Botschafter der USA und der westeuropäischen Staaten von Britannien bis Polen in der belarussischen Hauptstadt Minsk im Tross des US-Außenministers Mike Pompeo eine Schmierenkomödie auf. In einem Meer nationalistischer Flaggen und Parolen legen sie farblich passende Rosen am Grab des einzigen Märtyrers ab, den zu schaffen ihnen in diesen Tagen gelungen war. Sie selbst waren es nämlich, die am Tag der Wahlen ein vorbereitetes Skript aufführten, bei dem auf der einen Seite friedliebende Frauen Zweifel an der Gültigkeit der abgehaltenen Wahlen säten, während anderswo hartgesottene junge Männer Lichtgranaten und Molotow-Cocktails warfen und mit schweren Fahrzeugen Ordnungskräfte angriffen, um hässliche Bilder von bösen Polizisten (und schöne Bilder von guten, angeblich zur gerechten Sache überlaufenden Kollegen) für willige Westmedien produzierten, um ein noch haltloseres Narrativ zu schaffen, wonach Russland irgendwie Belarus unter dem Daumen hält. Um das Narrativ weiter zu unterstreichen, übergeben die westlichen Diplomaten auch Blumen an weißrussische Polizisten.

Präsident Lukaschenko warnte sofort, dass es dem Westen darum gehe, „sakrale Opfer“ zu schaffen, und nach einer weiteren Nacht der Unruhen gelang dies auch. Mit dem Begriff „sakrales Opfer“ knüpft Lukaschenko wohl an russischsprachige Kommentartexte vom Juni 2020 an, die George Floyd als „sakrales Opfer der Neuen Ordnung“ bezeichneten. Der bei den Zusammenstößen in Minsk umgekommene Mann ist ähnlich wie George Floyd kein unbeschriebenes Blatt sondern ein in gewalttätigen Demonstrationen erfahrener alter Kämpfer und wiederholt verurteilter rückfälliger Straftäter. Er starb tragisch an der unerwartet verfrühten Explosion des Mollis, das er gerade werfe wollte. Der Spruch vom „George Floyd des Bel-Maidan“ kam sofort nach Bekanntwerden der Nachricht auf.

Auch die russischen, weißrussischen und ukrainischen Experten, die den Vorgang in der Sendung „60 Minuten auf heißen Spuren“ kontrovers diskutieren, nennen den Märtyrer den „weißrussischen George Floyd“. Während der weißrussische Experte Dimitri Bolkunets (im 2. Video ab 11:48, die Gegenrede Igor Korotschenko, Chefredakteur einer Zeitschrift über Nationale Sicherheit, über den weißrussischen Floyd beginnt bei 17:11) interne Defizite Weißrusslands sieht und aufzeigt, dass viele dortige moderne Großstadtbürger die „Hilfe“ (selbstlose Nichteinmischung für die humanistische Religion) aus dem Westen willkommen heißen, warnen andere vor dem Spiel mit dem Feuer und vergleichen Lukaschenko mit Janukowitsch, der um 2014 in der Ukraine auch glaubte, bei diesem Spiel irgendwie obenauf bleiben zu können. Dabei gefallen ihnen durchaus die Worte, mit denen Lukaschenko beim Treffen mit Pompeo diesen vernichtend lobt. Aber warum empfängt er ihn überhaupt? Wer ernsthaft „Freiheit und Demokratie“ fordern wolle, sollte auf die Integrität und Legalität der eigenen Prozesse achten. Nur Russlands Position sei die der Nichteinmischung, wohingegen moralische Supermächte von Lettland bis Slowenien Neuwahlen in Minsk fordern, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt für ihre Behauptung vorlegen zu können, dass Lukaschenko nicht legal gewählt worden sei. Das Spiel des Wertewestens, das auch die Ukraine und schließlich die USA selbst zu zerfressen begonnen habe, bestehe darin, im Namen wohlklingender Parolen die Rechtsordnung zu unterminieren.
Besonders im Fall Polens steht die Geopolitik im Vordergrund. Polen definiert sich selbst heute als Nachfolger eines Staates, zu dem einmal Baltikum, Ukraine und Weißrussland gehörten. Auch für andere ist der Dialekt-Nationalismus (auch hier hofft man auf Schaffung einer neuen Sprachbarriere gegen Russland) eine willkommene Ergänzung zu westeuropäischem Einheits-Englisch. Unter der Pax Americana hofft Polen auf den Aufbau seines Ljubliner Dreiecks, in dem Weißrussland ein unentbehrliches Puzzlestück darstellt. Es ist allerdings nicht so, dass Lukaschenko das einzige Hindernis auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Träume war. Dagegen spricht nicht nur die starke sprachliche, kulturelle und wirtschaftliche Verwurzelung Weißrusslands in der russischen Sphäre sondern auch die abschreckende Erfahrung der Ukraine.
Das vollständige Programm „60 Minuten“, das mit der westlichen Schmierenkomödie von Minsk beginnt und in der Diskussion später zum Floyd-Vergleich führt, findet sich hier.

Anhang

In Washington, Chicago u.a. kam es gerade zu Massenschießereien, aber die dortigen schwarzen Toten waren als sakrale Opfer unbrauchbar, da von Schwarzen erschossen.
St. Floyd starb wohl nicht an Polizeigewalt, aber am leitmedialen Narrativ wird auch jetzt, nachdem dieses Geheimnis geplatzt ist, nicht ernsthaft gerüttelt.
Am 13. August 1920 verhinderte General Pilsudski mit einem halsbrecherischen Gegenangriff, dessen Erfolg als das „Wunder an der Weichsel“ in die Geschichte einging, den Vorstoß des sowjetischen Feldmarschalls Tuchatschewski auf Warschau. Tuchatschewski hatte zuvor Pilsudskis Truppen aus Weißrussland und Ukraine zurückgedrängt, wo ein Angriffskrieg sie hingeführt hatte. Alexander Wendt schildert die dramatischen Ereignisse packend aus der polnischen Perspektive und erklärt, warum sie heute noch für einen besonderen Willen Polens zu eigenständiger nationaler Politik sorgen.
Der amerikanische Atombombenhersteller Sandia betreibt einen Gulag für Weiße Männer. Durch ihre Gewissenhaftigkeit und Strebsamkeit verursachen sie Leid der Frauen und PoC. Dies soll ihnen ausgetrieben werden. Sie sollen zu besseren Verbündeten (better allies) von Feminist*innen und BLM umerzogen werden.
Ein Schutzsuchender aus Eritrea schubste vor 1 Jahr eine Mutter und ihren 8 jährigen Buben vor einen einfahrenden Zug. Die Mutter überlebt, das Kind nicht. Die Leit- und Relotius-Medien waren eifrig um Faktenvernebelung bemüht.
Es ist bemerkenswert, dass Frankreichs Botschafter bei der Minsker Schmierenkomödie mit dabei ist, während Griechenland und Frankreich mit ihren Kriegsschiffen im Mittelmeer die Türkei einzudämmen versuchen und dabei wenig Hilfe von EU-Partnern und viel von Russland erwarten können. Wie war das noch mal mit dem Hirntod der EU/NATO?
Das Breite Bündnis der Bunten MenschenrechtlerInnen verdrängt auf die Bewerbungsgespräch-Frage, wo das eigene Land in 5 Jahren stehen will. Identifikation mit dem eigenen Land gilt als „nationalistisch“. Erwünscht ist stattdessen das Bekenntnis zu kitischen humanitären Imperativen, einschließlich Schmierenkomödien der Minsker Art.

4 Gedanken zu „Wertewesten ehrt Minsker St. Floyd“

    1. Der Text in der JF klingt arg naiv und ist hinsichtlich Wahrheitsgehalt und Zielrichtung fragwürdig, aber das müssen die Weißrussen unter sich ausmachen. Es bedarf keiner wertewestlichen Schmierenkomödie, keines Belmaidan. Bessere Berichterstattung gibt es bei den Nachdenkseiten https://vk.com/wall-113930409_23346.

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