Siegesparade vom 24. Juni 1945 heute erneuert

Russland reproduziert am Roten Platz die Siegesparade vom 24. Juni 1945. Am 9. Mai war es wegen CoViD-19 nicht möglich. Jetzt wird es in zahlreichen Städten mit prachtvollem und durchaus tiefsinnigem, ergreifendem Zeremoniell nachgeholt. Für den Sinn sorgte Wladimir Putin vor ein paar Tagen mit einem lang erwarteten gelehrten Aufsatz über die Ursachen des zweiten Weltkrieges.
Darin erklärt Putin, dass der Westen diesen Krieg herbeiführte, indem er zunächst mit Versailles Deutschland ungebührend erniedrigte und dann Hitler förderte, gewähren ließ und nach Osten richtete, in der Hoffnung, dass sich Deutschland und die Sowjetunion gegenseitig zerfleischen. Auch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion kam vom Westen zunächst wenig Hilfe. 2/3 der deutschen Truppen waren in Russland gebunden und der Westen ließ sich Zeit. Erst als Deutschland militärisch am Ende war, landeten die Westmächte in der Normandie. Und alsbald erfanden sie die Lehre vom globalen Kampf gegen den „Totalitarismus“, um die Sowjetunion mit dem Nazi-Stigma zu belegen und der impliziten gemeinsamen Sache von Westen und Nazis ein neues Narrativ zu geben. Putin leitete hieraus allerlei Lehren und Mahnungen für die heutige Zeit ab. Dazu gehört auch die Forderung nach Öffnung britischer Archive, aus denen weitere Informationen über deren Geheimdiplomatie mit Deutschland kommen könnten, die auch nach der Münchner Konferenz weiter ging. Es ist eine mit hochinteressanten Zitaten von Zeitzeugen gespickte gewissenhafte Fleißarbeit eines echten Denkers und Historikers, das von der wertewestlichen Presse (CNN, Springer) noch vor der Lektüre gleich aus dem Bauch heraus mit Geifer und Galle („Geschichtsklitterung“) bespuckt wurde. Aber die ehemaligen Sowjetvölker und Serbien fühlen sich aufgrund der gemeinsamen Geachichte zu Russland hingezogen und sind mit ihren Vertretern dabei. Serbiens Präsident Vucic sprach gestern mit Putin im Kreml in hervorragendem Russisch, nachdem er einen glänzenden Wahlsieg errungen hatte. Moldawiens Präsident Dodon ebenso.  Auch der unbedingte Einsatz Russlands für das Leben seiner Bürger in der CoViD-19-Krise, welcher der peripheren Regionen wie Tschetschenien und Dagestan aber auch Serbien besonders zugute kam und deren Geist sich auch in der rührenden Umsorgung der hochbetagten Kriegsveteranen mit eigenen Darbietungen vor ihren Wohnungen zeigt, ist in Putins Verständnis eine essenzielle Voraussetzung für den Fortbestand Russlands. Hierauf zielen auch einige der Verfassungszusätze, die demnächst zur Volksabstimmung anstehen.

Eine kurze Leseprobe aus Putins Artikel möge hinsichtlich Stil und Inhalt für den Rest stehen:

Stalin und seinem Umfeld kann man völlig zu Recht vieles vorwerfen. Wir erinnern uns sowohl an die Verbrechen des Regimes gegen sein eigenes Volk, als auch an die Schrecken der massenhaften Repressionen. Ich wiederhole, man kann den sowjetischen Führern in vielerlei Hinsicht Vorwürfe machen, aber man kann ihnen keinen Mangel am Verständnis von äußeren Bedrohungen vorwerfen. Sie sahen, dass man versuchte, die Sowjetunion alleine gegen Deutschland und seine Verbündeten zu lassen, und die sowjetische Führung handelten ausgehend von dieser realen Gefahr, um wertvolle Zeit für die Stärkung der Verteidigung des Landes zu erkaufen.

Es wird heute viel über den damals geschlossenen Nichtangriffsvertrag geredet und es werden deshalb dem modernen Russland viele Vorwürfe gemacht. Ja, Russland ist der Rechtsnachfolger der UdSSR und die Sowjetzeit mit all ihren Triumphen und Tragödien ist ein integraler Bestandteil unserer tausendjährigen Geschichte. Ich möchte Sie aber auch daran erinnern, dass die Sowjetunion eine rechtliche und moralische Bewertung des so genannten Molotow-Ribbentrop-Pakts vorgenommen hat. Die Resolution des Obersten Sowjet vom 24. Dezember 1989 verurteilte das geheime Zusatzprotokoll offiziell als einen „Akt der persönlichen Macht“, der nicht „den Willen des sowjetischen Volkes widerspiegel hatt, das nicht für diese Verschwörung verantwortlich ist“. (Anm. d. Übers.: Der Hitler-Stalin-Pakt heißt in Russland Molotow-Ribbentrop-Pakt)

Heute ziehen es andere Staaten vor, sich nicht an die Abkommen zu erinnern, auf denen die Unterschriften der Nazis und westlicher Politiker stehen. Ganz zu schweigen von einer rechtlichen oder politischen Bewertung dieser Zusammenarbeit, einschließlich des stillschweigenden Einverständnisses einiger europäischer Persönlichkeiten zu den barbarischen Plänen der Nazis bis hin zur direkten Ermutigung der Nazis. Alleine der zynische Satz des polnischen Botschafters in Deutschland, Józef Lipsky, den er am 20. September 1938 in einem Gespräch mit Hitler gesagt hat, spricht Bände: „… Für eine Lösung der jüdischen Frage stellen wir (die Polen) ihm … ein schönes Denkmal in Warschau auf.“
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Viele unserer Partner sind jedoch noch nicht zur Zusammenarbeit bereit. Im Gegenteil, indem sie ihre Ziele verfolgen, erhöhen die Zahl und das Ausmaß der medialen Angriffe gegen unser Land, um uns zu zwingen, uns zu entschuldigen. Damit wir uns schuldig fühlen, verbreiten sie heuchlerische und politisierte Erklärungen. So warf die vom Europäischen Parlament angenommene Entschließung „Über die Bedeutung der Bewahrung der historischen Erinnerung für die Zukunft Europas“ vom 19. September 2019 der UdSSR direkt – zusammen mit Nazi-Deutschland – die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs vor. Natürlich findet sich dort kein Wort über München.
Ich denke, dass solche „Papiere“, ich kann diese Entschließung nicht als Dokument bezeichnen, mit all der offensichtlichen Erwartung eines Skandals, eine gefährliche reale Bedrohungen bedeuten. Schließlich wurde sie von einem hoch angesehenen Gremium angenommen. Und was hat das gezeigt? So traurig es ist, das ist die bewusste Politik der Zerstörung der Weltordnung der Nachkriegszeit, deren Schaffung eine Frage der Ehre und Verantwortung der Länder war, deren Vertreter heute für diese verlogene Erklärung gestimmt haben.

Viele neue, neu gefundene, deklassifizierte Materialien wurden auch bei der Vorbereitung dieses Artikels verwendet. In diesem Zusammenhang kann ich in aller Verantwortung feststellen, dass es keine Archivdokumente gibt, die die Absicht der Sowjetunion bestätigen würden, einen Präventivkrieg gegen Deutschland zu starten. Ja, die sowjetische Militärführung hielt sich an die Doktrin, dass die Rote Armee im Falle einer Aggression den Feind schnell zurückwerfen, in die Offensive gehen und den Krieg auf feindlichem Territorium führen wird. Solche strategischen Pläne bedeuteten jedoch nicht die Absicht, Deutschland als erstes anzugreifen.
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Schlimmste militärische Niederlagen brachten das Land 1941 an den Rand der Katastrophe. Die Wiederherstellung der Kampffähigkeit und Kontrolle erforderte außergewöhnliche Methoden, eine allgemeine Mobilisierung, die Einspannung aller Kräfte des Staates und des Volkes. Bereits im Sommer 1941 begann unter feindlichem Beschuss die Evakuierung von Millionen von Bürgern, Hunderten von Fabriken und Produktionsstätten in den Osten des Landes. In kürzester Zeit wurde im hinteren Bereich die Produktion von Waffen und Munition etabliert, die im ersten militärischen Winter an die Front gelangten und 1943 die Zahlen der militärischen Produktion Deutschlands und seiner Verbündeten übertraf. In anderthalb Jahren hat das sowjetische Volk geschafft, was unmöglich schien, sowohl an der Front, als auch im Hinterland. Und es ist immer noch schwer zu verstehen, sich schwer vorzustellen, welche unglaublichen Anstrengungen, Mut und Hingabe diese größten Errungenschaften erfordert haben.

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Ich erwähne noch ein weiteres Dokument. Es ist der Bericht der Internationalen Reparationskommission unter der Leitung von Maysky, der im Februar 1945 erstellt wurde. Die Aufgabe der Kommission war es, die Formel zu bestimmen, nach der das besiegte Deutschland die Siegermächte entschädigen sollte. Die Kommission kam zu dem Schluss: „Die Zahl der Soldaten, die Deutschland an der sowjetischen Front einsetzte, übersteigt die Zahl deutscher Soldaten an allen anderen verbündeten Fronten mindestens um das Zehnfache. Die sowjetische Front band auch vier Fünftel der deutschen Panzer und etwa zwei Drittel der deutschen Flugzeuge.“ Insgesamt trug die UdSSR etwa 75 Prozent aller militärischen Anstrengungen der Anti-Hitler-Koalition. Während des Krieges „zermahlte“ die Rote Armee 626 Divisionen der „Achsen“-Länder, 508 von waren deutsche.
Am 28. April 1942 erklärte Roosevelt in seiner Ansprache an die amerikanische Nation: „Russische Truppen haben mehr Soldaten, Flugzeuge, Panzer und Kanonen unseres gemeinsamen Feindes zerstört und zerstören sie weiterhin, als alle anderen Nationen zusammengenommen.“ Churchill schrieb in einem Brief an Stalin am 27. September 1944, dass „es die russische Armee war, die der deutschen Kriegsmaschine den Mut genommen hat…“

Auch nach 75 Jahren ist ein Sieg, für den man 28 Millionen seiner Bürger geopfert hat, immer noch eine Quelle von Kraft und Segen. Bei den Westmächten hingegen fallen die Denkmäler auch aufgrund des Fluches, der sowohl von Schuldgefühlen als auch Versäumnissen und innerer Schwäche kommt. Die Eurozone ist heute eine Zone der Demoralisierten, die 1941 entweder mit Hitler verbündet waren oder unter seiner Herrschaft standen. Außer Zentrifugalkräften in ihr selbst und in ihren Mitgliedsstaaten und einem schrumpfenden Bestechungsbudget hat die EU heute kaum etwas zu bieten. Die Ukraine bezahlt schon teuer für die opportunistische Untreue zu ihrer Gechichte. Aus der Lebenslüge vom gemeinsamen Sieg gegen einen angeblich ständig drohenden „Big Brother“ wurde die tatsächliche jämmerliche Selbstunterwerfung unter „Big Other“. Auch in der Bewertung von Black Lives Matter geht heute nicht umsonst nur Russland einen aufrechten Gang.

Anhang

Am Abend folgte ein beeindruckendes Gedächtniskonzert.
RT Deutsch legt den Finger in die Wunden von Steinis „Antirassismus“. Das ehemalige „Westfernsehen“ ist auch nicht in der Schweiz sondern im Osten zu suchen.

9 Gedanken zu „Siegesparade vom 24. Juni 1945 heute erneuert“

  1. Putins Darstellung enthält zwar einige für die West“sieger“mächte unangenehme Fakten, ist aber ansonsten mächtig rosarot prorussisch eingefärbt und zurecht gebogen. Die Vernichtung Deutschlands (!) war schon lange vor dem WK I geplant. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Russland nicht mit am Tisch in Verailles saß, weil sie den WK I gegen Deutschland verloren hatten. Und den WK II konnte Russland auch nur mit gewinnen, weil sie MASSIVE Unterstützung hatten in Form von Geld und Rüstungsgütern aus USA und Bindung deutscher Kräfte an anderen Fronten. Das kleine Deutschland konnte auf Dauer einer solchen weltweiten Übermacht nicht widerstehen (vom Verrat in den eigenen Reihen mal ganz abgesehen).

    1. Eben die Behauptung von der Bindung an anderen Fronten ist viel weniger wahr als wir zu denken gewohnt sind. Die deutschen Kräfte waren zu mehr als 2/3 in Russland gebunden, und die Westalliierten agierten lange Zeit nur in Nordafrika. Zitat Putin: „Ich erwähne noch ein weiteres Dokument. Es ist der Bericht der Internationalen Reparationskommission unter der Leitung von Maysky, der im Februar 1945 erstellt wurde. Die Aufgabe der Kommission war es, die Formel zu bestimmen, nach der das besiegte Deutschland die Siegermächte entschädigen sollte. Die Kommission kam zu dem Schluss: „Die Zahl der Soldaten, die Deutschland an der sowjetischen Front einsetzte, übersteigt die Zahl deutscher Soldaten an allen anderen verbündeten Fronten mindestens um das Zehnfache. Die sowjetische Front band auch vier Fünftel der deutschen Panzer und etwa zwei Drittel der deutschen Flugzeuge.“ Insgesamt trug die UdSSR etwa 75 Prozent aller militärischen Anstrengungen der Anti-Hitler-Koalition. Während des Krieges „zermahlte“ die Rote Armee 626 Divisionen der „Achsen“-Länder, 508 von waren deutsche.“
      Und die selbstmitleidige Mär von den finster entschlossenen Alliierten, deren Vernichtung Deutschlands schon lange fest stand, stinkt 7 Meilen gegen den Wind. Wer sich nur ein wenig mit Geschichte und Politik auskennt, weiß, das die Dinge so nicht laufen und dass im Gegenteil Selbstmitleid und Wunschdenken so funktionieren.

      1. Ah, da ist er ja der unvermeidliche neunmalkluge siebengescheite Naseweis, der alles besser weiß. Wie DU gewohnt bist zu „denken“, hast du ja soeben kundgetan. Die Aussage mit den „2/3“ ist so nicht korrekt und trifft nur auf die Anfangsphase des Krieges zu. Aber es war ja auch nur MIT ein Grund von vielen. Mir ging es in erster Linie darum, dass auch Putin hinsichtlich der jüngeren europäischen Geschichte letztlich ein Märchenerzähler ist, ganz speziell was Russland bzw. die Sowjetunion anlangt.

  2. Dass Putin von Beruf Politiker und somit eher für große Erzählungen als für historische Quellenforschung zuständig ist, versteht sich von selbst, aber der hier verlinkte Artikel von Putin ist dennoch weitaus gewissenhafter und quellengestützter geschrieben als die Historiografie, die wir normalerweise von den Erzählern in unseren Qualitätsmedien zu lesen bekommen. Deshalb ist die Aussage, Putin erzähle Märchen, sowohl nichtssagend als auch irreführend. Einfach mal bei Anti-Spiegel lesen, bitte!

  3. Churchill: „Ohne England undie USA hätte Hitler Stalin hinter den Ural getrieben!“ – Noch Fragen, Putin und antideutsche Putin-Serbo-Fans??!

    Hat Putin uns bisher national auch nur 1 cm gegeben??! Nein, er hätte auch die Entlastung zu Katyn nicht gegeben wie immerhin Jelzin in 1990!! Und er hat Gesetze erlassen wie bei uns der § 130a StGB, die sowjet-kritische Geschichtsversionen unter Strafe stellen!! Und es gab mal in der alten SU noch einen Ex-General Pjotr Grigorenko, der schon damals so in den 70ern die sowjet-verherrlichende Version infrage stellte!!

    1. Diese Einwände sind interessant, aber kaum geeignet, die Aussagen von Putins oder unserem Text zu widerlegen oder auch nur zu relativieren.

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