Persönliches zum Mauerfall am 9. November 1989

Nach dem Mauerbau 1961 schien eine Wiedervereinigung utopischer zu sein als die Mondlandung im legendären Sommer 1969. Wer es in den 1980er Jahren wagte, den Wunsch nach Wiedervereinigung offen zu formulieren wurde von den damals schon übergriffigen und meinungsführenden Leithammeln der 68ern entweder als Reaktionär, kalter Krieger, Revanchist oder bestenfalls als „Spinner“ verunglimpft.

Antje Vollmer
Bild: Wikipedia

Am Vorabend des Mauerfalls warnte die evangelische Pastorin Antje Vollmer – vormals als Maoistin der KPD nahestehend, später als Grüne 1994-2005 Bundestagsvizepräsidentin – am 8. November 1989 davor, eine Wiedervereinigung zu postulieren, ausgerechnet jetzt, wo sich eine „DDR-Identität“ herausbilden würde.

Auch die spätere Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) gehörte zu den militantesten Gegner*Innen einer Wiedervereinigung.

Claudia Roth. NIE WIEDER DEUTSCHLAND. Aber Geld stinkt nicht. Für fette Diäten und eine üppige Altersversorgung kann man schon mal Kreide fressen.

Daß sich die Bürger der DDR im Herbst 1989 gerade nach dem Blutbad im Juni 1989 in Peking, als die KP Chinas demonstrierende Studenten niedermetzeln ließ und von Egon Krenz (SED) – Honeckers designierten Nachfolger – offen gebilligt, auf die Straßen wagten, kann nicht hoch genug wertgeschätzt und bewundert werden. Das Damoklesschwert ausrückender Panzerverbände und die Gewehrläufe kommunistischer Kampfgruppen war allgegenwärtig.

Die Todesmutigen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 wurden – ebenso wenig wie Mahatma Gandhi – niemals mit dem verdienten Friedensnobelpreis bedacht. Dem gerade ins Amt gekommenen US-Präsidenten Barack Obama dagegen wurde der Friedensnobelpreis praktisch ohne Vorleistung hinterher geworfen. Ein Indiz für positiven Rassismus liegt in der Luft. Daß linkslastige Lobby-Organisationen wie der IPCC (der selbsternannte „Weltklimararat“), Klima-Lobbyist und US-Vize Al Gore 2007 zu der Auszeichnung kamen spricht für die Befangenheit der Jury des Nobelpreiskommittees.

Auch ich werde nie vergessen, wo ich am 9. November 1989 war. Auf einer Fortbildung in Hamburg. Als ich am Flughafen die Treppe herunter rannte, konnte ich gerade noch Boris Becker ausweichen, der in der Gegenrichtung unterwegs und fast mit mir kollidiert wäre. Die Bilder vom Mauerfall in meinem Hotelzimmer erschienen mir wie nicht von dieser Welt. Ein Traum, der wahr wurde.

An den 9. November 1989 gibt es viele Erinnerungen. Angela Merkel, über die – soweit ich weiß – keine Dokumente existieren, daß sie auf der Straße Zivilcourage gegen Schießbefehl und  Einmauerung gezeigt hätte, ausgerechnet diese Angela Merkel erzieht uns am 30. Jahrestag des Mauerfalls mit pharisäerhaftem volkspädagogischem Duktus über historische Vorgänge, die sie selber wie immer ausgesessen hat. In der Sauna, oder wo auch immer. Ausgerechnet diese einem mündigen Bürger kaum noch vermittelbare Kanzlerin Angela Merkel, die – als es gefährlich war, abgetaucht war – und erst als die Luft rein war im Februar 1990 erstmals aus ihrem sicheren Unterstand als Beisitzerin bei einer regionalen Veranstaltung aus der Deckung kam. Jeder, der 1989 unter der Gefahr für Leib und Leben auf die Straße ging, kann sich für die nun regierende Kanzlerin Angela Merkel nur in Grund und Boden schämen.

Auch „Jouwatch“ bietet in Klaus Lelek einen Zeitzeugen, der über seine Erinnerungen an den historischen Herbst 1989 berichtet:

Frankfurt – Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust. Ein westdeutsches und ein ostdeutsches. In diesem Sinne bin ich ein Gesamtdeutscher. Beim Fall der Mauer flossen Tränen, für die ich mich auch nach dreißig Jahren nicht schäme, weil ich bereits 1976 auf einem DDR-Besuch bei einem Dorffest auf die Deutsche Wiedervereinigung angestoßen hatte. Wenn die eigenen Prophezeiungen sich erfüllen, so ist dies überwältigend. Dass ausgerechnet jene, die weder eine Wiedervereinigung wollten noch das Land zwischen Elbe und Oder liebten, sondern verachteten, am meisten vom Mauerfall profitierten, war abzusehen. Mein Verhältnis zum Osten war immer ein herzliches nicht-materialistisches…       

Als Flüchtlingskind 1954 im Hamburg geboren und in Bonn und Wiesbaden aufgewachsen musste ich mich von irgendwelchen Neonazis schon als 10jähriger auf dem Schulhof als „Polackensau“ beschimpfen lassen, oder beißenden Spott über meinen oberschlesischen slawischen Nachnamen über mich ergehen lassen. Mütterlicherseits bin ich Mecklenburger und Sachse. Der Sachse ist der beste Teil in mir, sage ich mir manchmal, wenn ich mal wieder in Bedrängnis gerate. So wie meine Oma, die 1945, als die Russen den Bauernhof meiner Großeltern in der Nähe von Güstrow plünderten, unter Lebensgefahr das letzter verbliebe Zugpferd vor der brutalen Soldateska rettete. Leider konnte sie nicht die Vergewaltigung meiner Mutter verhindern, die dieses Trauma wahrscheinlich nie richtig verarbeitet hat. Ebenso wenig wie mein Großvater, den Rotarmisten fast zum Krüppel prügelten, als er ihr zur Hilfe eilte. Trotzdem habe ich nie einen Hass gegenüber Russen empfunden, sondern früh erkannt, dass sie bis 1914 unsere besten Freunde waren, ehe dekadente Ränkeschmiede die seelenverwandten Völker auseinanderbrachten.

Seit meinem zweiten Lebensjahr habe ich, zuerst mit meinen Eltern, später allein, regelmäßig die DDR besucht. Freunde und Bekannte hielten mich für bescheuert. Sie trampten lieber als Rucksackhippies Haschisch-beseelt nach Indien oder flogen nach Lateinamerika und die USA. Auch Griechenland war schwer angesagt. Die DDR war absolut uncool. Allein der „Zwangsumtausch“ war schon ein Hindernis, und dann brauchte man jemanden, der eine „Aufenthaltsgenehmigung“ beantragte. An der Grenze wurde man so gefilzt, wie heute auf einer missliebigen Demo gegen Merkel oder Islamisten. Taschen wurden durchwühlt, Koffer entleert, Mäntel umgekrempelt, Portemonnaies ausgeleert. Nicht deklarierte Schokolade oder gar Zigaretten konfisziert, ebenso wie Platten oder andere Erzeugnisse des verderbten dekadenten Westens. Warum tat ich mir das an? Weil ich die Heimat meiner Mutter liebte, meine Verwandten, die verschlafenen Dörfer, die endlosen Alleen mit dem buckligen Kopfsteinpflaster, die unberührten Seen, diese komplett andere Welt, dies so wunderbar nach Braunkohle, Zweitaktbenzin, Kuhstall und Kunstleder roch. Weil drüben alles viel natürlicher, ehrlicher und jenseits der DDR-Ideologie, also im privaten Bereich, lockerer war als in der Bundesrepublik mit ihrer Krämerrepublik-Seele und dem kollektiven Zwang erfolgreich oder „cool“ zu sein. Nicht einmal der Körpergeruch mancher Leute störte mich. Warmes Wasser war für viele DDR-Bürger ein Luxus und musste mit einem Bollerofen mühsam aufbereitet werden. Nicht von ungefähr prägten viele Ossis nach der Wende für die Wessis den Begriff „Warmduscher“.

Wenn ich in diese Welt eintauchte, so war ich einer „von drüben“. Ich kaufte mir 1976 in einem DDR-Kaufhaus ein altmodisches Jackett. Der Schnitt hätte noch aus dem 19. Jahrhundert sein können, so wie die Orte, durch die ich auf meiner heimlichen Rundreise durch Mecklenburg und Vorpommern kam. Denn eigentlich war es unter Strafe verboten, sich außerhalb des genehmigten „Bezirkes“ zu bewegen. Aber meine Tarnung war perfekt. Im Überlandbus rumpelte ich auf den Spuren von Caspar David Friedrich ohne Argwohn zu erregen von Neubrandenburg nach Greifswald, übernachtete dort bei einem Pfarrerehepaar, die mich für einen kulturbeflissenen DDR-Studenten hielten. Sie hatten mir spontan diese Übernachtungsmöglichkeit angeboten, nachdem sie hörten, dass ich ein Hotel suchte. Als ich am Frühstückstisch auf Nachfrage meinen Studienort „Mainz“ preisgab, wurden beide ein wenig blass im Gesicht. Zurecht. Denn sowohl meine Rundreise als auch die Gastfreundschaft der Pfarrer hätte mit einem Stasiverhör beendet werden können. Im schlimmsten Fall auch mit einem längeren Besuch in Bautzen. Doch meine drei Schutzengel hießen Heimatliebe, Caspar David Friedrich – dessen DDR-Bildband ich wie eine Bibel mit mir führte – und Gottvertrauen. Schließlich war ich ja Theologiestudent.

Kreidefelsen in Rügen
Caspar David Friedrich

Mein nächstes Ziel waren die berühmten Kreidefelsen in Rügen. Auf der Fahrt dorthin, wieder im klapprigen Ikarus-Bus, traf ich ein russisches Professorenpaar mit ihrer erwachsenen Tochter. Sie sprachen mich in perfektem Deutsch auf den Bildband an, der auf meinen Knien lag und ich erklärte ihnen, dass ich jenes berühmte Bild „Stubbenkammer“ – den Blick über die Felsen auf die weite Ostsee – mit dem „Original“ vergleichen wollte. Natürlich kannten die drei Russen aus St. Petersburg den berühmten deutschen Maler. Schließlich hängen einige seiner bedeutenden Bilder in der Petersburger Eremitage.

Wenig später saßen wir zu viert, den Bildband des Romantikers in den Händen, am Rande der schroffen Klippe und sahen aufs Meer. Meine Begleiter und ich kämpften mit den Tränen, denn wir spürten in diesem Moment, dass Menschen nicht durch politische Mächte und Systeme getrennt werden können, aber durch eine gemeinsame Kultur, durch Werte, gemeinsame Hoffnungen zusammenfinden. Und den Schlüssel dazu hielten wir in den Händen, denn das Bild des pommerschen Malers zeigt drei Menschen am Rande der Felsen, und diese symbolisieren drei Tugenden. GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG. Diese Botschaft leuchtete auch nach 150 Jahren deutlich zu uns herüber…

Nach dieser Begegnung, die mit einem sehr emotionalen Abschied endete, war mir klar, dass der „Eiserne Vorhang“ in absehbarer Zeit fallen wird, und dass die Russen dabei eine Schlüsselrolle spielen. Ich habe in Stralsund an der Bus-Endhaltestelle Menschen und keine Maschinen umarmt.

So gestärkt fuhr ich zurück in das Heimatdorf meiner Mutter. Am nächsten Tag fand in der benachbarten Kreisstadt ein kleines Volksfest statt. Spontan lud mich eine Clique von DDR-Studenten an ihren Tisch ein. Als sie erfuhren, woher ich komme, legte einer von ihnen die Hand auf meine Schulter und sagte: „Wir gehören doch alle zusammen – Wir sind doch ein Volk- oder nicht?“

Dann haben wir alle zusammen 1976 auf die deutsche Wiedervereinigung angestoßen …

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4 Kommentare zu „Persönliches zum Mauerfall am 9. November 1989“

  1. „Geht doch nach drüben“, verspottete man uns als rebellische 68iger, die uns der Vietnamkrieg ebenso empörte wie das Bordell kapitalistischer Warenanarchie in Wirt- und Wissenschaft.
    Wir hatten unsere Frauen und Freuden, wir hatten Haschisch benebelte Reisen nach Indien und sind endlich, endlich, endlich dem Rat gefolgt:
    „Geht doch nach drüben!“
    Ja „drüben“ kann das Leben nur besser werden, Nehmt Abschied vom Moloch München und
    „Geht doch rüber, nach drüben!“
    https://n0by.blogspot.com/2019/11/abschied-vom-moloch-munchen.html

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  2. Ein zu Herzen gehender Kommentar von Klaus Lelek. Er gehört wohl zu den ganz wenigen, die immer an die Einheit geglaubt haben, Einer der allerersten Sätze meines mittlerweile verstorbenen Schwiegervaters war, als wir uns kennenlernten: „Wir kriegen die Einheit, Andy. Das werde ich noch erleben“. Im Jahre 1983 ! Ich schüttelte ungläubig den Kopf und dachte an den Stacheldraht, die Hunde. Und an die „Kameraden“ der „Grenzbrigade Küste“, die mit Schiffen, Booten und Scheinwerfern nach „Republikflüchtigen“ in und an der Ostsee Ausschau hielten.Ich war damals gerade zur „Volksmarine“ einberufen worden, nichts schien ferner als die „Wiedervereinigung“.Gerade sechs Jahre brauchte es noch und die SED-DDR war hinweggefegt. Nur die SED und ihre westlichen Kampfgenossinnen und -genossen sind noch da und haben ihr Zerstörungswerk beizeiten wieder aufgenommen. Hinter der Maske von „Gleichheit“, „Menschenrechten“ und „Klimaschutz“ vollenden sie das, was Honecker, Mielke und Co. nicht gelungen ist. Die Zerstörung des ehemals freiheitlichen und bürgerlichen Deutschlands.Unter dem Kommando einer ehemaligen FDJ-Sekretärin sind Hell-und Dunkelrote, Schwarze, Grüne und Gelbe zum Endkampf in den Ruinen des Landes angetreten.Mit Unterstützung von ca. 87 Prozent der Wählerschaft werden Energiearmut, Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und der Einfall von Millionen Eroberern unserem ehemals stolzen Gemeinwesen den Garaus bereiten. Der Zug in Richtung Bürgerkrieg ist abgefahren, niemand hält ihn mehr auf. Mögen die Überlebenden aus Schutt und Asche ein neues Deutschland bauen. Darin haben wir Erfahrung. 1945 und 1989 wurde der Aufbau nach Krieg und Sozialismus praktiziert. Leider müssen der guten Dinge immer drei sein. Sonntägliche Grüße an die Autoren und Leser von BIF. Gott schütze uns.

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