Wann bricht endlich der Vulkan aus? Die Masken des Zorns als die zwei Gesichter einer Mitläufer-Gesellschaft

von Andy Mars

Wann bricht endlich der Vulkan aus?!

Das frage nicht nur ich mir schon seit langem.
Warum passiert hier nichts, angesichts der schreienden Ungerechtigkeit?
Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen kann ich mir das nur so erklären……

1984/86, während meines Ausreiseantrages, sind mir manche meiner Nachbarn/Kollegen in der DDR aus dem Weg gegangen, wollten nicht mit mir in Verbindung gebracht werden, doch genau dieselben Leute gingen 1989 zu den Montagsdemos auf die Straße.
Als mir später meine Nachbarn, die ich noch als Systemmitläufer kannte, stolz erzählten, was sie auf diesen Montags-Demos erlebten, war ich über den Sinneswandel schon erstaunt. Was ist da passiert in der Zwischenzeit?
Was ist da mit Menschen passiert, die in ihrer Masse das System ins Wanken brachten?

Es waren nämlich nicht – jedenfalls nicht hauptsächlich – Oppositionelle und Regimegegner, die an den Demos beteiligt waren, sondern mehrheitlich Menschen wie meine Nachbarn.
Bis Mitte 1980er Jahre wären sie als angepasst und nicht auffällig zu beschreiben gewesen. Kurzum, Mitläufer.
Freilich waren sie keine Anhänger des Systems DDR oder des Sozialismus, hatten immer einen vergleichenden Blick in den Westen, dies allerdings nur in ihren privaten geschützten Räumen und in ihren Kreisen, niemals in der Öffentlichkeit oder Fremden gegenüber sich offenbarend.
Man hatte sich eingerichtet im Haus DDR, was blieb einem auch anderes übrig. Einen zu offensichtlichen Kontakt, gar freundschaftliche Beziehungen, zu Menschen wie mir – einem der offen gegen das System seit Jugendtagen opponierte.

Ich habe mir oft über dieses Verhalten Gedanken gemacht, es waren ja Leute, die ich kannte, keine abstrakten theoretischen Gebilde.
Warum hatten sie zwei Gesichter, ein öffentlich angepasstes und ein privat kritisches?

Es wird keine allgemeingültige Antwort darauf geben und auch nicht vollständig mit Opportunismus und Mitläufertum beschrieben werden können. Eher mit dem Bedürfnis, des sich Einrichtens im Gegebenen, einem Haus, in welches man hinein geboren ist und in dem man nun nach den Bedingungen, die da herrschen, lebt.
Wie konnte es geschehen, dass aus ihnen, innerhalb weniger Jahre, scheinbar Oppositionelle geworden waren?

Denn als solche sahen sie sich nun, der Erlebnis der Befreiung vom Sozialismus veränderte offensichtlich auch ihren Blick zurück in eigene Vergangenheit.

Heute hört man nun vielerorts, dass es die Oppositionellen in der DDR waren, die Dissidenten, die für ihre Überzeugungen kämpfen, dafür teils ins Gefängnis gingen, teils ausgebürgert worden, dass diese maßgeblich für den Fall der Mauer gesorgt haben. Ich möchte deren Leistungen, ihren Mut, ihre Selbstlosigkeit überhaupt nicht klein reden, doch solche Personen hat es die ganze Zeit gegeben und die haben letztlich nie was bewegt.

Der andere Grund, der auch gern im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer genannt wird, die veränderte geopolitische Lage durch Gorbatschow, die Unruhe durch Solidarność in Polen, also die Verfallserscheinungen im real existierenden Sozialismus, wiegt schon schwerer. Hoffnung auf Veränderung keimte auf. Doch selbst das hätte meine Nachbarn nicht auf die Straße gebracht.

Etwas anderes war geschehen. Ab Mitte der 1980er Jahre wuchs die Ausreisebewegung (guckst du 👉 https://www.geschichte-lernen.net/ausreisewelle-und-flucht…/ )
so stark an, dass sie massenwirksam wurde und das Momentum erreichte, worauf hin sich die DDR-Führung genötigt sah, Ausreiseanträge etwas großzügiger zu behandeln.
Nun kannte auf einmal fast jeder jemanden, der dem Land den Rücken kehren wollte oder schon weg war.
Diese Ausgereisten, ihre Briefe und Postkarten aus Sehnsuchtsorten, waren allgemeines Gesprächsthema und verstärkte bei denen, die ihre Heimat nicht verlassen wollten oder konnten, das Gefühl, benachteiligt zu sein. Sie wollten auch erleben, sehen und haben, was der Kollege, der Cousin, der Nachbar nun im Westen hatte.

Freilich erforderte dies auch Mut, doch mit jedem Bürger, der das Land verlassen hatte, den man auch persönlich kannte, wurde dieser Mut größer, warum es nicht auch versuchen?

Die Stimmung im Lande kippte, ausgelöst von der realistischen Option einer alternativen Lebensplanung. Bei denen, die nicht gehen wollten, vertiefte sich das Gefühl der Benachteiligung. Wer blieb, hatte die Arschkarte gezogen und die verunglimpfende Bezeichnung für die DDR „Der Dämliche Rest“, wurde gefühlte Wirklichkeit.

So war denn auch auf den Montagsdemos der Spruch:

„Wir bleiben hier!“,

geradezu ein Aufschrei gegen die Benachteiligung.
Aus diesem Gefühl wurde schließlich ein Zorn auf das System, die Eliten, die Ideologie und trieb die Menschen, die ihren Zorn nicht mehr unter Kontrolle hatten, auf die Straße. Irgendwelche Utopien, wie sie die Dissidenten oder die intellektuelle Opposition entwickelten, die braucht man nicht, der Zorn allein genügte.
Wenige Menschen nur gestehen sich ein, dass der Zorn sie zum Handeln zwang, sie versuchen dann im Nachhinein andere edlere Begründungen für ihr Streben zu nennen. Das taten meine Nachbarn auch, die dann von Freiheit sprachen. Auch ich selbst habe mir über viele Jahre eingeredet, mein Ausreiseantrag, ja mein ganzes Verhalten in der DDR, wäre vom Wunsch nach Freiheit genährt worden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, ohne den empfundenen Zorn gegen die Unterdrücker hätte ich nie den Mut und die Kraft gefunden, das zu tun, was ich tat.

Exakt deshalb ist es für die aktuellen MachthaberInnen wie für alle anderen essentiell, diesen Zorn entweder erst gar nicht aufkommen zu lassen oder dies in abschreckendere Weise zu stigmatisieren.
Die hierzu verwendeten Begriffe des Systems sind bekannt und ähneln nicht zufällig denen aller totalitärer Systeme.

Nicht aufkommen lassen bedeutet, Mechanismen zur Ablenkung und Zerstreuung zu schaffen, eine Art Ventil, gerade soviel, wie es sich nicht systemgefährdend, sondern noch unterstützend oder zumindest erhaltend auswirkt.

Die eine Schicht hat dazu naturgemäß etwas andere Wohlfühlbedürfnisse als die andere. Die einen brauchen etwas Unterhaltung und „ Bananen“, die anderen Events, Ablassformen und etwas dekadenten Luxus.
Solange ein System bestimmte Ansprüche befriedigt, die eher selten die politische Freiheit betreffen, kann es sich, zumindest bei dem dazu passenden „Volk“ (jedenfalls im Westen durchaus ausreichend vorhanden) lange halten.
Das gilt umsomehr, als der vergleichende Mensch nicht mit Objekten konfrontiert wird, die Mechanismen aktivieren.

Es ist wieder die alte Erkenntnis: erst kommt das Fressen und dann die Moral.

Und solange die Leute einigermaßen satt sind, machen sie auch keine Revolution, nicht mal im Unrechtsstaat.

Anhang

Syrer droht in ICE, “alle umzubringen”, falls er mit den Zug nicht weiter nach Freiburg fahren dürfe – Polizei findet Fleischerbeil.
Stegner, Söder, Voßkuhle uvm haben in Hamburg mitgemobbt. Ihre Sicht der Dinge legt ein TAZ-Leitartikler dar, der dann logisch einwandfreie Schlüsse aus den herrschenden Doktrinen von Söder und Co zieht.

2 Kommentare zu „Wann bricht endlich der Vulkan aus? Die Masken des Zorns als die zwei Gesichter einer Mitläufer-Gesellschaft“

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