Das Wunder der Wiedervereinigung

Aus heutiger Perspektive scheint die deutsche Einheit so selbstverständlich wie das tägliche Brot. Rückblickend gesehen aber schien die deutsche Teilung selbst für die Kinder und Kindeskinder zementiert zu sein.

Mit Freude, Demut und Dankbarkeit sehen viele Deutsche zurück auf die friedliche Wiedervereinigung, die nicht nur eine glückliche Fügung der Geschichte war.

Der Mut der Landsleute in der DDR, die im Herbst 1989 mit der Ungewissheit um Leib und Leben auf die Straße gegangen waren, kann nicht hoch genug bewundert werden. Die Erinnerungen an das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 waren noch frisch. Erich Honeckers Kronprinz Egon Krenz deutete mit lobenden Worten über die Niederschlagung der Studentenproteste durch die Maschinengewehre und Panzer der chinesischen Volksarmee an, worauf sich aufbegehrende DDR-Bürger einzustellen hatten.

In Anbetracht der Bilder der blutigen Niederwerfungen der Volksaufstände im Juni 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in Prag schienen die Landsleute der DDR genau so auf verlorenen Posten zu stehen wie am 13. August 1961, als selbst martialische Drohgebärden der US-Panzer in West-Berlin nichts am Mauerbau zu ändern vermochten.

Wer in den 1980er Jahren das bereits verpönte Thema der Wiedervereinigung auf´s Tablett brachte, lief Gefahr, sich selbst bestenfalls als „Ewig Gestriger“, „Revanchist“ oder „Reaktionär“ auszugrenzen.

Am 17. Mai 1985 forderte der neue Präses der EKD Jürgen Schmude (SPD), das Gebot der Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes zu streichen. Am 17. Juni 1985 boykottierten die GRÜNEN im Bundestag die Gedenkfeier an die Toten des 17. Juni 1953 am seinerzeitigen Tag der Deutschen Einheit. Damals forderten die GRÜNEN

1. die Respektierung der DDR-Staatsbürgerschaft

2. die Umwandlung der Ständigen Vertretungen der DDR und BRD in Botschaften

3. die Auflösung der Erfassungsstelle für DDR-Straftaten und Mauertote in Salzgitter

Der FDP-Politiker Uwe Ronneburger bezeichnete die offene deutsche Frage am 17.6.1985 despektierlich und zynisch als“schillernde Worthülse“.

Am 17. Juni 1986 geißelte Annemarie Borgmann (GRÜNE) den Tag der Deutschen Einheit als „Anachronismus“.

„Der Tag findet in der Bevölkerung der BRD keinen Rückhalt mehr. Die Menschen gehen längst von der Tatsache zweier deutschen Staaten aus. Die Berufung auf eine gesamtdeutsche Identität ist Selbstbetrug.“ (Annemarie Borgmann, Grüne, 17.6.1986)

Im Gegensatz dazu hielten Politiker wie Franz Josef Strauß und Helmut Kohl an der deutschen Einheit in friedlicher Selbstbestimmung fest.

„Wir werden uns mit der gegebenen Lage nicht abfinden und so lange kämpfen, bis Recht und Freiheit und nationale Selbstbestimmung gesichertes Gut für alle Europäer sind […]
Wir haben ein Recht auf nationale Selbstbestimmung, wir haben ein Recht auf Freiheit und Würde für alle Menschen in Deutschland.
Bayern ist unser geliebter Freistaat, die Bundesrepublik ist unser demokratischer Rechtstaat, aber ganz Deutschland ist unser Vaterland und wird es bleiben, und Europa ist unsere Zukunft. “ (Franz Josef Strauß, 1984)

Gegen den Widerstand mancher Berater hielt der von 50.000 rotgrünen Demonstranten lautstark angefeindete US-Präsident Ronald Reagan zum Verdruß von Erich Honecker, westdeutschen rotgrünen Kampfgenossen und Waffenbrüdern am 12. Juni 1987 seine famose Rede am Brandenburger Tor mit den visionären Worten

„Mr. Gorbachow, tear down this wall!“

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Ronald Reagan Rede am 12.Juni 1987 am Brandenburger Tor Tear down this wall Bild: Wikipedia

Was Erich Honecker bis zuletzt nicht gelten lassen wollte. Noch 1989 prophezeite DDR-Staatschef der Mauer weitere 100 Jahre Bestand.

„Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“ (Erich Honecker 19.1.1989)

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ (Erich Honecker, 14.8.1989)

Eine Wiedervereinigung unter einer rotgrünen Bundesregierung wäre 1989/90 unvorstellbar gewesen. Ebenso unter einer Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren eklatantes,  wiederholtes und zuverlässiges Versagen in entscheidenden Momenten ihrer Kanzlerschaft jeder Beschreibung spottet.

Bis heute stellt niemand die brisante Frage wo Angela Merkel unterwegs war, als im Herbst 1989 couragierte Bürger und Bürgerrechtler ihrer Obrigkeit die Stirn boten.

Wahre Stärke in der Führung, wie sie der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt bei der Hamburger Sturmflut 1962 oder in den Bleiernen Jahren der RAF bewiesen hatte, ließ der lange unterschätzte Helmut Kohl auch im Herbst 1989 erkennen.

Helmut Kohl hätte als Bundeskanzler in den entscheidenden Momenten nicht besser handeln können als er es getan hatte. Das gestanden ihm später selbst frühere politische Gegner zu wie der damalige Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel (SPD) zu.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 ergriff Bundeskanzler Helmut Kohl am 28. November 1989 in seiner zupackenden Rede mit dem „Zehn-Punkte-Programm“ vor dem Bundestag den Mantel der Geschichte. Sogar die sich lange einer Wiedervereinigung verweigernde SPD signalisierte nun Zustimmung.

Nur „die Grünen, die sich allgemein gegen das Wiedervereinigungsgebot der Präambel des Grundgesetzes aussprachen, lehnten Kohls Politik als „Gefahr für Europa“[10] ab und plädierten für eine dauerhafte Zwei-Staaten-Lösung.“ (Wikipedia)

Der von linksdominierten Medien ebenso wie zuvor Kanzlerkandidat Franz-Josef Strauß (CSU) oder US-Präsident Ronald Reagan (USA) dämonisierte und als „Birne Kohl“ diffamierte Helmut Kohl handelte mit einer sowohl innen- wie aussenpolitischen Sensibilität, die ihresgleichen sucht. Was in Kohls grandioser Ansprache vor den Ruinen der Dresdner Frauenkirche am 19. Dezember 1989 kulminierte. Mit einer beherzten und besonnenen Rede gewann Helmut Kohl die Herzen des Publikums. Die DDR-Führung hatte es vorgezogen, den zu erwartenden Pfiffen und Buhrufen durch Abwesenheit zu entgehen. Bereits damals (Leipzig 11.12.1989) skandierten und formulierten Mutige erstmals den formell noch verpönten Wunsch nach „Deutschland, einig Vaterland“.

Zu diesem Zeitpunkt stand eine deutsche Wiedervereinigung für die Staatschefs der Siegermächte Sowjetunion (Gorbatschow), Großbritannien (Thatcher), Frankreich (Mitterrand) noch nicht auf der Tagesordnung. Mit Andreotti (Italien) oder hierzulande mit Gregor Gysi, Oskar Lafontaine oder den GRÜNEN polemisierten überzeugte Linke gegen eine deutsche Wiedervereinigung.

Am 8. November 1989 warnte die spätere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) vor einer Wiedervereinigung. Im Gegensatz dazu sympathisierten Vaclav Havel aus der Tschechoslowakei ebenso wie ungarische Politiker mit einer deutschen Wiedervereinigung. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger bezeichnete eine deutsche Wiedervereinigung bereits am 11.11.1989  wohlwollend als unvermeidlich.

Am 2. Januar 1990 übte Alfred Dregger (CDU) Kritik am mangelnden Engagement der Verbündeten für die deutsche Einheit. Während sich die Verbündeten, allen voran Maggie Thatcher noch gegen die sich abzeichnende deutsche Wiedervereinigung sträubten, kam der allesentscheidende Impuls ausgerechnet aus dem Imperium des Klassenfeinds. Bei einem Besuch des DDR-Staatschefs Hans Modrow in Moskau äußerte sich Michail Gorbatschow am 30. Januar 1990 erstmals positiv zur deutschen Wiedervereinigung. Anlässlich des Staatsbesuchs von Helmut Kohl in Moskau, gestand Gorbatschow am 11. Februar 1990 Kohl das Recht zu, Deutschland wiederzuvereinigen.

Ohne den Mut der Landsleute auf den Straßen der DDR im Herbst 1989 und die menschliche Größe von Michail Gorbatschow (und des russischen Volkes) ist die jetzt so selbstverständliche deutsche Einheit nicht vorstellbar.

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Michail Gorbatschow „Eine Begegnung“ (Werner Herzog/André Singer) screenshot: TV arte

In der Doku „Gorbatschow – eine Begegnung“ reflektiert der schwerkranke Michail Gorbatschow auch über die entscheidenden Monate der deutschen Wiedervereinigung.

https://www.arte.tv/de/videos/078706-000-A/gorbatschow-eine-begegnung/

In dem Zusammenhang sollte heutige Klimapaniker nie vergessen, daß in den Jahren des Kalten Kriegs zwischen NATO und Warschauer Pakt waffenstrotzende Supermächte ihre Atomwaffen und Atomraketen  auf die vitalen Zentren der jeweils anderen Seite richteten. Im Fokus der sowjetischen Atomwaffen standen nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich und Italien, inklusive Venedig. Bayern und Europa hätten sich im Falle eines Krieges in eine atomare Wüste verwandelt.

Wenn man sich diese keineswegs unrealistischen Visionen ins Gedächtnis ruft, scheinen die heutigen Probleme mit den Infantilitäten der Generation Grün und Greta geradezu zu verzwergen.

Im Rückblick gesehen waren Michail Gorbatschow (UdSSR) und Ronald Reagan (USA), die die Atomwaffen ihrer Supermächte und Bündnisse nicht nur abtransportiert sondern sogar zerstört hatten die wahren Humanisten. Deren Verdienste lassen sich auch für die jetzige Generation kaum hoch genug würdigen.

Anhang

Heute möchte man sich fragen, ob es nicht ein patriotischer Akt wäre, eine wirkliche deutsche demokratische Republik neu zu gründen und zusammen mit anderen osteuropäischen Staaten, gerne auch mit Mauer und Moskauer Hegemonie, von Deutschland und Europa zu retten, was noch zu retten ist. Denn der Westen war 1989 absolut vertrauensunwürdig und ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verrückter geworden.
Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse haben sich um Deutschland und Westeuropa verdient gemacht, aber aus russischer Sicht kommt man kaum umhin, sie irgendwo zwischen „eitler Gutmensch ohne Staatsverständnis“ und „Verräter“ einzuordnen. Ein Moskauer Fernsehstudio fällt am 4. Oktober 2020 anhand eines neuen Dokumentarfims sehr harte Urteile und fragt sich, wie man künftig den Aufstieg solcher Politiker in Russland verhindern könne. So bestätigt und erklärt das Moskauer Urteil unseren Eindruck vom „Wunder der Wiedervereinigung“. Es war unverdient und zu schön, um wahr zu sein.

4 Gedanken zu „Das Wunder der Wiedervereinigung“

  1. Welch oppulenter, Fakten basierter, sachlich, nahezu Wissenschaftsjournalistisch aufbereitetes Meisterwerk! Danke, Philolaos!

    Die meisten Menschen haben kaum Zeit, Geduld, Interesse, vielfach auch nicht die geistige Kapazität, die Zusammenhänge so klar aufzuarbeiten, darzustellen und – wie hier – zu veröffentlichen.

    Erschwerend kommt hinzu, dass die Menschen eher von Gefühlen geleitet und bestimmt werden als von Fakten, wie sie Philolaos hier vor uns ausbreitet. Das fühlige Narrativ zur Zeit belohnt verblödendes Vergessen, Verdrängen und baut Macht, Einfluss, Anerkennung und Ansehen auf sandigem Schlamm verlogener Massenbeeinflussung.

    Der Kult um Schuld, Scham und Schande schärft das eine Scherenblatt – wie periodisch auftretenden Forderungen der Reparationsindustrieen.

    Das andere Scherenblatt schärfen kakophonische Katastrophenklänge – mal von kommender Eiszeit, dann von überflutenden Wogen bis zur rheinischen Tiefebene, sterbende Wälder von Ozon bis zu CO2 – und die so geschärften Scherenblätter mit feministisch geschultem Geschwätzpersonal sogenannter Geisteswissenschaftler*Innen zwacken mehr als nur Steuern ab, die Scheren schneiden Männer von ihrer energetischen Wurzel ab, Frauen von ihrem Gefühl und ihrem Herzen für Heim, Familie und Kinder….

    …nur ein paar tapsige Fingerübungen vor unserem anstehenden Umzug nach Thüringen mit gepackten Autos, einem schweren Anhänger ….

    … und wie immer sind die Nachrichten von Russia Today, die Arbeiten in alternvativen Medien wie hier von Philolaos näher an meinem Gefühl, treffen besser meinen Informationsstand in Jahrzehnten erarbeitet und gesammelt…

    Meine Entscheidung?

    … weg, weit weg aus dem Strudel des Niedergangs in Megamüll-München, weg aus Mannheim, Duisburg, München, Stuttgart, geflutete Städte mit Wahn einer Grün-Roten Schickeria, der mit Rot-Grünem-Verbots-und-Vorschriften-Verteilungssozialismus das Blaue vom Himmel verspricht und erstaunt reiben sich die Menschen den Augen, über das was ist und kommt.

    https://n0by.blogspot.com/2019/09/sonneberg-fremde-neue-welt-voller.html

  2. Dieser Beitrag ist eine eklatante Vernebelung der Tatsachen. Dies war keine „Wieder“vereinigung, denn solange die Alliierten weiterhin die Macht in Deutschland ausüben, ist und bleibt dieses Konstrukt von Alliierten Gnaden eine Verwaltung für ein besetztes Gebiet nach Haager Landkriegsordnung, dem weiterhin ein Friedensvertrag vorenthalten wird! Eine Wiedervereinigung existiert erst dann, wenn die unter polnischer und tschechischer Verwaltung stehenden deutschen Gebiete (Pommern Schlesien, Ostpreußen und die Sudetengebiete) an das Deutsche Volk zurückgeben worden sind!
    Was wir derzeit erleben, ist die Wiederauferstehung des Bolschewismus in Deutschland, der nie untergegangen war.

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