In memoriam Klaus Kinkel

von Isabella Klais

Mit Dr. Klaus Kinkel verfügte Deutschland über einen Ausnahmeaußenminister der hervorragendsten Art und einen echten Patrioten.

Der Unterschied sowohl zu seinem Vorgänger, als auch zu seinem Nachfolger, könnte größer nicht sein.

In Nachrufen wird Klaus Kinkel nun als politischer Ziehsohn Hans-Dietrich Genschers apostrophiert. Hierzu kann man nur anmerken, daß auch im außerpolitischen Dasein Väter und Söhne sich oft deutlich voneinander unterscheiden.

War Genscher mit politischem Instinkt ausgestattet, der ihn auch vor gewissenlosem Opportunismus auf Kosten anderer nicht zurückschrecken ließ, verkörperte Klaus Kinkel das erfreuliche Gegenteil.

Genschers Bild in der Öffentlichkeit ist extrem positiv überzeichnet. Seine Erfolge beruhten zum großen Teil darauf, daß er sich zu einer bestimmten Zeit an bestimmter Stelle wiederfand und dies mit dem erwähnten politischen Instinkt zu nutzen wußte.

Loyalität seinen Mitarbeitern im Auswärtigen Amt gegenüber war ihm völlig fremd. Dies begann schon damit, daß er die Überreichung der Ernennungsurkunden an die Jungdiplomaten seinem Staatssekretär überließ, anstatt die Gelegenheit zu nutzen, die jungen Kollegen persönlich im Dienst zu begrüßen und mit seiner Botschaft auf sich einzuschwören. So mancher arrivierte Kollege machte die leidvolle Erfahrung, von Genscher ggf. als Bauernopfer im Politpoker verheizt zu werden. Überliefert ist, daß er ihm brenzlig erscheinende Vorlagen seiner Diplomaten mit Vorschlägen einer Handlungsoption nicht abzuzeichnen pflegte. Sich danach einstellende Erfolge rechnete er sich zu. Bei eventuellen Mißerfolgen gab er vor, die Vorlage nicht erhalten zu haben – unter Inkaufnahme der zu erwartenden karrieremäßigen Einbrüche für die Kollegen. Anstatt sich vor seine Mitarbeiter zu stellen, versteckte er sich feige hinter ihnen.

Ganz anders Klaus Kinkel:

Mit Klaus Kinkel zog ein völlig anderer Stil ins Auswärtige Amt ein, der sich umgehend auf die Inhalte auswirkte. Gefragt war ab sofort der selbstbewußte, initiative Leistungsträger. Die Zeit der servilen Duckmäuser und Leisetreter war abgelaufen. Es galt das ehrliche und offene Wort.

Klaus Kinkel erwies sich als kompetent und führungsstark, aber absolut nicht beratungsresistent. Er schätzte es, die Fachkenntnisse seiner Mitarbeiter nicht nur zu Rate zu ziehen, sondern auch zu beachten, und führte, wenn man sich bewährt hatte, an der sehr langen Leine. Er duldete nicht nur Widerspruch, sondern zollte dafür Respekt und Anerkennung.

Mein direkter Vorgesetzter, übrigens auch ein schwäbischer Landsmann des Ministers, erklärte mir eines Tages, daß er meinen Arbeitsstil absolut grauenvoll fände. So sei man die Dinge bisher noch nie angegangen. Aber: Der oberste Chef sei begeistert, denn dieser erwarte „Leute mit Biß“, die eher erfolgsorientiert, als diplomatisch-zurückhaltend vorgingen.

Klaus Kinkel selbst fragte mich auf einer Dienstfahrt eines Tages, warum wir ein bestimmtes Projekt verfolgten. Wohl gemerkt: Er hatte es nach außen, meinem Rat entsprechend, da bereits vertreten.

So viel Vertrauen motiviert zu Höchstleistung und Besonnenheit, denn man würde es sich nie verzeihen, es zu enttäuschen. Dafür konnte man sich stets der Rückendeckung „von oben“ sicher sein.

Bezeichnend für Klaus Kinkels Geradlinigkeit und Seriosität war die strikte Trennung von Partei und Regierungsamt. Er legte größten Wert darauf, daß die Zusammenkünfte der FDP-Mitglieder im Auswärtigen Amt nicht in den Räumen desselben stattfanden. Undenkbar wäre es gewesen, daß Diplomaten zu Arbeiten für die Partei aufgefordert worden wären – ein Amtsmißbrauch, dem man sich bei dem schandmäßigen Joschka Fischer andauernd erwehren mußte.

Eines der Merkmale von Klaus Kinkels Authentizität war seine unprätentiöse Art und die Beibehaltung seines schwäbischen Idioms, das zu Anfang die Verständigung mit ihm nicht immer einfach gestaltete.

Klaus Kinkel verfocht eine ausgesprochen an deutschen Interessen orientierte Außenpolitik.

Daß man ihm US-Affinität nachsagt, mag an Äußerungen liegen, die sich vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen erklären. Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Dabei orientieren sich Perzeptionen an dem, was man in jahrzehntelanger Indoktrination vermittelt bekam. Erst Umbrüche, wie wir sie jetzt erleben, erlauben Blicke hinter die Mauern der Inszenierung.

Im Rahmen seiner vorgegebenen Möglichkeiten schöpfte Klaus Kinkel sehr selbstbewußt seine Grenzen aus und ließ sich von keiner Seite vereinnahmen.

Jedem Berufsanfänger ist die Chance zu wünschen, sich mit einem solchen Vorgesetzten entwickeln und bewähren zu können. Wenn jeder Tag mit der Neugier und Freude auf die Herausforderungen im Dienst beginnt, und man sich auch in späten Abendstunden noch nicht von der Arbeit losreißen kann, weil es einfach solchen Spaß macht, eins zu werden mit der Aufgabe, ihrer Erfüllung und ihrer aktiven Mitgestaltung, ist dieses höchste Glück nicht zuletzt auch das Verdienst eines Teamchefs, der ein begnadeter Personalführer ist.

Danke, Herr Minister Kinkel. Ich werde mich stets gerne und mit Hochachtung Ihrer erinnern. Ich habe Ihnen viel zu verdanken.

Klaus Kinkel hinterläßt eine immense Lücke in Kreise der Aufrechten, von denen es so wenige gibt. Sein Beispiel soll uns Vorbild sein.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/der-schwaebische-diplomat-klaus-kinkel-ist-tot-100.html

 

Anhang

Auch Arnulf Baring ist gerade verstorben.




3 Kommentare zu „In memoriam Klaus Kinkel“

  1. Mir scheint, dass bei so manch einem Pragmatiker, sei es in der Betrachtung der Politik von früher oder in der Vermittlung von Ideen für eine Zukunft gern übersehen wird, dass nicht Politiker die Schalter drücken und um es konkreter zu machen: ein Soros ist kein Politiker und mischt überall seine Drecksfinger rein.

    Dr. Kinkel, immer sehr gemocht, war ein großartiger Analytiker und feiner Mensch. Ein Pragmatiker und realistischer Visionär und er gehörte zu jener Gattung der ausgestorbenen ehrenhaften Politiker, von denen sich diese Generation einige Videos ansehen sollte.

    Wir vergessen daher bitte nicht, dass auch ein D.J.TRUMP mit solchen Figuren, sog. Politikern, in seinem Land kämpft und dass er dort das Problem hat, dass jahrzehntelange Miss- und Vetternwirtschaft und v.a. das Heranbilden von Substrukturen weit über die Landesgrenzen hinaus zu einem Politikstil führte, der das Überleben der gierigsten Nation der Welt erst ermöglichte! So muss man eben die alte Generation in Europa verstehen, wenn sie beinahe ehrerbietig über die USA redet! Das ist dieselbe USA, die wir als Täter in den Rheinwiesenlagern kennen und dieselbe, die Atombomben warf und dieselbe, die Hanf flächendeckend anbauen lies und dieselbe, die beabsichtigete die Deutschen mit Senfgas zu vernichten:

    http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13531696

    Nein, auch wenn es schmerzt, die Zustände heute bedürfen Menschen wie Trump, die keine Rücksicht auf Traditionen haben und die USA wieder stark machen, damit diese USA nicht laufend starke Partner benötigt… als Krücke!

    Die Europäer scheinen da indessen ein wenig darunter zu leiden, dass sie nicht mehr Krücke sein dürfen!

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