Stille Nacht, heilige Nacht. 200 Jahre Kulturerbe.

Moden ändern sich wie Musikstile und Geschmäcker. Manche Kompositionen oder Lieder aber bleiben so unverbraucht wie am ersten Tag.

Dazu gehört das am 24. Dezember 1818 in Oberndorf bei Salzburg in der Mitternachtsmesse erstmals aufgeführte „Stille Nacht, heilige Nacht“. Komponiert vom Dorfschullehrer und Organisten Franz Xaver Gruber (1787-1863) und dem Hilfspfarrer Joseph Mohr (1792-1848).Wie gemacht für die „staade Zeit“, wie man in Bayern und Österreich zur Advents- und Weihnachtszeit sagt.

Joseph Mohr hatte den späteren Liedtext bereits 1816 in Mariapfarr im Lungau in Form eines Gedichts geschrieben.

Das Lied entstand in einer bedrückenden, katastrophalen Zeit. Die Friedensehnsucht war groß, weil Europa opferreiche und blutige Jahre Napoleonischer Kriege durchleiden mußte. Der Wiener Kongreß 1815 zog einen Schlußstrich unter 20 Jahre dauernde Schlachten von Ägypten bis Rußland. Im Gegensatz zum Versailler Vertrag 1919 erwies sich der Wiener Kongreß als großzügiger und friedensstiftender Schachzug, indem die Siegermächte den Kriegsverlierer Frankreich als gleichberechtigten Partner zu den Vertragsverhandlungen am Wiener Kongresses eingeladen hatten.

Trotz des wiedergewonnenen Friedens aber kam 1816 wieder Unheil in Form des „Jahres ohne Sommer“ über Europa. Überschwemmungen, in der Schweiz schneite es im Juli 1816 sogar bis in tiefe Lagen, Mißernten und Hungersnöte dominierten das Jahr 1816. Nicht viel besser erging es anno 1816 Nordamerika, wo dieses Elendsjahr unter dem Namen „Eighteen hundred and froze to death“ bekannt wurde. Ursache des „Jahres ohne Sommer“ war ein Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien im Jahr 1815. Eine der stärksten bekannten Vulkanausbrüche seit der Apokalypse des Taupo in Neuseeland vor rund 26.000 Jahren. Die Asche des Vulkanausbruchs verteilte sich rund um den Erdball, verdunkelte die Atmosphäre und ließ die Temperaturen sinken.

„Stille Nacht, heilige Zeit“ entstand also in einer Epoche, die geprägt war von Endzeitstimmung. Das Weihnachtslied wäre fast in Vergessenheit geraten, ähnlich wie die Werke von Johann Sebastian Bach. Zunächst verbreitete sich das Weihnachtslied nur regional und ganz allmählich. Aber nach einigen Jahrzehnten wurde aus einem Schneeball eine Lawine. Wer hätte sich gedacht, daß dieses Weihnachtslied zweier Männer aus dem Volk einmal zum UNESCO-Weltkulturerbe (2011) avancieren würde? Den Siegeszug ihres Weihnachtslieds um die Welt erlebte Mohr nicht mehr, Gruber nur noch ansatzweise. Mohr starb 1848 im Alter von nur 55 Jahren verarmt an „Lungenlähmung“, möglicherweise an der Tuberkulose. Am Ende seines Lebens blieb Mohr nicht viel mehr als seine Gitarre. Über Zillertaler fahrende Händler verbreitete sich das Lied zunächst regional, 1823 findet sich ein erster Inventareintrag eines „Weihnachtslieds“ von F.X. Gruber in Burghausen. Über Hamburg aus verbreitete sich das Lied bis nach Amerika, 1840 erstmals auch in New York.

Während das Weihnachtslied allmählich an Popularität gewann, gerieten die Autoren von „Stille Nacht, heilige Nacht“ nach 1818 in Vergessenheit. Offenbar blieb die Aufführung des Weihnachtslieds in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1818 gleichzeitig auch die letzte der Autoren Mohr/Gruber. Während das Leben von Josef Mohr, der immer die Nähe der einfachen Leute gesucht hatte, sonst unspektakulär verlief, reussierte der aus bitterarmen Verhältnissen stammende Franz Xaver Gruber als Organist und Chor-Regent von Hallein. 1835 erwarb Gruber erstmals ein festes Gehalt. Es dauerte bis 1854, als Nachforschungen ergaben, daß Gruber der Komponist des Weihnachtslieds war. Für Gruber selbst hatte das Weihnachtslied keine große Rolle mehr gespielt. Es war nur eine Episode, ein Nebenprodukt. Grubers Präferenzen galten seinen Orgel-Kompositionen und Messen.

„Die Erinnerung an die Urheber des Liedes war schnell verblasst, das Lied wurde als Volkslied angesehen. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795–1861), der das Lied besonders liebte, ist es zu verdanken, dass die Autoren heute noch bekannt sind: Seine Hofkapelle wandte sich 1854 an das Stift Sankt Peter (Salzburg) mit der Bitte um eine Abschrift des Liedes, das man fälschlich für ein Werk Michael Haydns (1737–1806) hielt. Auf diesem Weg stieß man eher zufällig auf den in Hallein lebenden Komponisten Franz Xaver Gruber, der daraufhin seine Authentische Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ handschriftlich abfasste.“ (Wikipedia)

Anlässlich des von deutschen und britischen Soldaten am 24. Dezember 1914 zelebrierten Weihnachtsfriedens klang „Stille Nacht, heilige Nacht“ über die Schützengräben hinweg.

„In ‚Stille Nacht‘ klingt das Echo der Stahlgewitter. Es bringt sie aber auch zum Schweigen. Mächtiger kann Stille nicht sein.“

Stille_Nacht_Jubilaeumskarte
Stille Nacht, heilige Nacht
100 jähriges Jubiläum
(c) Wikipedia

Das 100 jährige Jubiläum von „Stille Nacht, heilige Nacht“stand unter keinem guten Stern. Sowohl die Habsburger Monarchie wie das Deutsche Reich sind Ende 1918 zusammengebrochen. Nicht nur bewaffnete Auseinandersetzungen rivalisierender politischer Gruppierungen rafften zu dieser Zeit Menschenleben dahin. In einem noch viel verheerenderem Ausmaß grassierte seit 1918 die „Spanische Grippe“, der Millionen an Menschen zum Opfer fielen.

1934 wurde die Geschichte des Weihnachtslieds unter dem Titel „Das unsterbliche Lied“ (Deutschland/Schweiz 1934) verfilmt.

1941 sangen US-Präsident Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill zusammen mit den im Garten des Weißen Hauses versammelten Menschen „Silent Night“.

1943 konstatierte die Schriftstellerin Herth Pauli (1906-1973), daß viele US-Amerikaner das Lied „Silent Night“, mit dem Bing Crosby 1934 einen überragenden Erfolg mit 30 Millionen verkauften Schallplatten feierte, für ein US-amerianisches Volkslied hielten.

Nun dürfen wir auf 200 Jahre „Stille Nacht, heilige Nacht“ zurückblicken.

Ursprünglich wurde das Lied für Gitarre und zwei Singstimmen (Tenor/Bariton) verfasst. Hier eine recht schlichte und unprätentiöse, aber trotzdem gewinnende Version für Gitarre und Ukulele:

In seiner häufigsten Version für Chöre klingt „Stille Nacht, heilige Nacht“ z.B. so:

„Stille Nacht, heilige Nacht“- ein von zwei einfachen Menschen aus dem Volk komponiertes Lied – singen Menschen weltweit in über 300 Sprachen und Dialekten.

Hier in einem längeren Video mit den Wiener Sängerknaben (1977) bei Minute 0:33. Auftakt mit „Es ist ein Ros entsprungen“, später unter Beteiligung des fabelhaften Tobi Reiser Ensembles aus Salzburg.

„Stille Nacht, heilige Nacht“  – kein Lied für Laustarke. Ohne Verstärker, E-Gitarren, Schlagzeug, Lightshow  und ohne Karawane an Managern, Promotern, Konzernen und Bossen in der Musikindustrie.

Es gibt Lieder, die leben von ihrer Substanz anscheinend für die Ewigkeit wie Greensleeves (1584), Es ist ein Ros entsprungen (1609), Ännchen von Tharau (1636), Scarborough Fair (1670), Auld Lang Syne (1711) oder La Paloma (1860), wenn ihre Komponisten schon längst tot oder vergessen sind.

Selbstverständlich gehören zu diesem Kanon auch etliche Lieder wie die der Beatles und last not least die immer wieder faszinierenden Kompositionen von Bach, Mozart, Beethoven, Rossini, Verdi oder Puccini. Und viele, viele, mehr.

 

Anhang:
https://bayernistfrei.com/2017/12/28/weihnachtsfrieden-1914/

2 Kommentare zu „Stille Nacht, heilige Nacht. 200 Jahre Kulturerbe.“

  1. Ja, ein wunderschönes Lied, ein Beitrag aus deutschen Landen zu den Klassikern der internationalen Evergreens. Ich habe es heute in der Weihnachtsmesse auch gesungen, auf deutsch und auf italienisch.

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