Seehofer im ARD-Grill: steckt hinter den ruhigen Überzeugungen nicht fiese Revolte?

Sandra Maischberger grillt Horst Seehofer zu Stilfragen, zur Wortwahl (z.B. bei „Asyltourismus“), zur Frage ob man hässliche Bilder notleidener Schiffsinsassen aus Malta hinnehmen dürfe, ob man Angela Merkel unter Druck setzen dürfe und ob nicht Seehofer an Merkels Schwächung schuld sei, warum er ihr das antue, ob unter der Oberfläche seiner flexiblen Sachlichkeit nicht Groll und Sucht nach Abrechnung stecke, warum sein Ego wichtiger als die Stabilität Deutschlands und Europas sei, warum er so wenige Frauen in hohen Ämtern beschäftige.
Aber auch die Inhalte, um die es beim Asyl-Masterplan geht, kommen zur Sprache, wenngleich Maischberger bei den interessanten Sachdiskussionen ihm stets gerne ins Wort fällt und auf persönliches ablenkt. Maischberger will von den Realitäten und Überzeugungen, die den Bundesinnenminister motivieren, offensichtlich wenig zum Publikum durchdringen lassen.

In der Sendung kommen auch die in Malta feststeckenden „Flüchtlinge“ zur Sprache, und Maischberger wirft Seehofer vor, diese armen Menschen zum Spielball der Politik zu machen und eine humanitäre Katastrophe entstehen zu lassen. Dabei werden Filmausschnitte mit Frauen und Kindern eingeblendet. Seehofer erklärt, dass hier Gefahren von Präzedenzfällen und anschwellender Migration drohen und dass es dringend geboten sei, für Zurückverschiffungen in nordafrikanische Aufnahmelager zu sorgen. Maischberger will ihn weiter wegen der in Kauf genommenen Leides der unschuldigen Kinder drangsalieren, wechselt dann aber das Thema.

Maischberger von Kulturschaffenden unter Beschuss

Inhaltlich entsprechen die Aussagen Seehofers unserer Analyse von letzter Woche, aber auch dort schrieben wir, dass die abgeklärte Ruhe und Sanftmütigkeit, die Maischberger erfolglos zu durchbrechen versuchte, auch eine zielführende Strategie ist.
Trotz ihrer Tendenziosität steht Maischberger von Buntblödeln unter Beschuss. Der Deutsche Kulturrat, der alle kulturschaffenden Berufe vertritt, wirft Maischberger vor, dass sie durch Thematisierung der Migration Wasser auf die Mühlen der Rechten liefere. Den gleichen Vorwurf erntete sie von vielen Seiten nach dem Schurkelduell. Der  Vorwurf trifft auch stets Horst Seehofer, dessen beharrliches Streben, seine Überzeugungen in einer widrigen Umgebung in möglichst unangreifbarer Weise zu vertreten und einer Umsetzung näher zu bringen, stets der AfD viel Zulauf beschert hat.

Anhang

Gestern unterhielten sich parallel bei Phoenix junge Abgeordnete über den Koalitionsstreit um die Zurückweisung an der Grenze. Es ging auch dort vorwiegend um Fragen der Parteitaktik. Corinna Miazga (AfD) macht die CSU madig, unterstellt ihr, nur Wahlkampf zu betreiben.  Die aktuelle Forsa-Umfrage zeige aber, dass die CSU nicht profitiere, wendet der Moderator ein. Niemand weist klar darauf hin, dass es die Kanzlerin war, die via Anne Will den Masterplan vor die Kameras zerrte, den Streit vom Zaun brach und Kauder eine getrennte Fraktionssitzung einberufen ließ. Auch Silke Launert (CSU) muss sich hier auf vorsichtige Andeutungen beschränken. Sie kann auch nicht erklären, warum das Migrationsthema für das Land (und nicht nur für die zurückzugewinnenden Wähler) von entscheidender Bedeutung ist.
Der GEZ-Sender Phoenix wirbt gerade mit einer Doku-Sendung für die humanitären Taten der Seenotretter, in deren Einleitungstext bereits die deutschen Kriegsflüchtlinge von 1945 mit den afrikanischen Mittelmeerschlepperkunden in die gleiche Schublade „Flüchtlingskrise“ gesteckt werden:

Im Jahr 2015 sind mindestens 3771 Menschen bei der Überfahrt nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Daraufhin gründeten die Französin Sophie Beau und der Deutsche Klaus Vogel die Organisation SOS Méditerranée. Seit Jahren erlebt Europa die größte Flüchtlingskrise seit dem 2. Weltkrieg. Was treibt die Menschen auf die lange und gefährliche Flucht übers Meer, und wer sind die Menschen, die, trotz aller Kritik, dort vor der libyschen Küste helfen? Ein Team des ZDF ist im Mai in der sizilianischen Stadt Catania für acht Tage an Bord gegangen. Und berichtet von Rettungseinsätzen, dem Schicksal der Geretteten und dem Leben auf der Aquarius.





3 Kommentare zu „Seehofer im ARD-Grill: steckt hinter den ruhigen Überzeugungen nicht fiese Revolte?“

  1. „Zielführende Strategie“ und dann zum Sturz Merkels? Zu schön, um wahr zu sein!
    Für mich hat meiner Erinnerung nach noch kein Gesprächspartner Maischberger so weit und so vollendet in ihre Schranken gewiesen wie Seehofer. Mag daran liegen, dass ein vergleichsweise alter Mann mit Jahrzehnten ausgebuffter Polit-Erfahrung einer vergleichsweisen jungen Journalistin gegenüber saß, die einen milde lächelnden „Eisblock“ wie Seehofer nicht auftauen und schon gar nicht zu unbedachten Äußerungen verleiten kann. Seehofer zog zwar nach längeren Querelen seine Vokabel „Asyltouristen“ zurück, doch gefühlt war dies nicht mehr, um Maischberger zu beruhigen.
    Seehofer strahlte ein Gewissheit aus, dass es mit Merkel und ihm auch am Montag und darüber hinaus weiter ginge, als sei das Spiel hinter den Kulissen längst abgekartet und ausgemacht.
    Lt. Welt (https://www.welt.de/politik/deutschland/article178365906/Merkel-im-Bundestag-An-den-Grenzen-gilt-Europaeisches-vor-deutschem-Recht.html) tönt Merkel zwar im Bu’Tag: „Europäisches vor deutschem Recht“, doch hinter semantisch juristischen Spitzfindigkeiten scheint mir eine friedlich schiedlich Fortsetzung Regierung dank drehhoferischer, wendiger Anpassungsfähigkeit auch weiter gegeben – zumindest nach seinem ruhigen Grinsegesicht bei der verzweifelt bohrenden Motzberger.

    Söder, Dobrindt, Seehofer stochern gleichsam im Wespennest von Gesetzen, Vorschriften und Interessen der Flüchtlingspolitik, was ungeahnte Aktivitäten derzeit entfaltet und mich mehr fasziniert als die gleichzeitig laufenden Ballerspiele, doch bei der Gemengelage auf Ergebnisse zu hoffen, scheint mir absurd. Ärzte ohne Grenzen beklagen eine Politik „auf Kosten von Menschenleben“ – und solche Politik kennt man vom Krieg. Noch plädiert m.E. eine Mehrheit dafür, diesen Krieg lieber in Europas Grenzen als vor Europas Grenzen zu führen. Wobei diese Mehrheit die Formulierung „Krieg“ als maßlos übertrieben ansieht, da mehr Menschen sich bei Haushalts- und anderen Unfällen sterben als bei „zufälligen“ Angriffen von Messerhelden, derer, die erst „seit-kurzem-hier-leben“.

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    1. Das Ziel ist nicht der Sturz Merkels, aber es kann sein, dass sie selber ihren Sturz wählt. Es geht manchmal um mehr als das Amt. Das sowohl bei Seehofer als auch bei Merkel.

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