Süddeutsche Zeitung und Antisemitismus. Ein Sündenregister

„Auch im linksliberalen Milieu sitzt der Antisemitismus tief“ titelte die WELT am 19.5.2018 in journalistischer Kollegenschelte an die Adresse der „Süddeutschen Zeitung“, die sich selber gerne völlig unbescheiden mit dem Etikett „für Anspruchsvolle“ schmückt und mit dem Nimbus kokettiert, als Meinungsmacher Nr. 1 im deutschsprachigen Raum zu gelten. Ein Prädikat, das wohl eher der NZZ zukommen dürfte.

Im Zusammenhang mit der standrechtlichen Entlassung des langjährigen Mitarbeiters Dieter Hanitzsch unmittelbar nach Veröffentlichung der Netanjahu-Karikatur liest der WELT-Autor Richard Herzinger der Prantl-Prawda die Leviten:

„Die Chefredaktion der „SZ“ sollte nicht glauben, dass sie mit dem Rausschmiss ihres über so viele Jahre für sie tätigen Karikaturisten aus der Verantwortung entlassen ist, dieses Syndrom endlich in den kritischen Blick zu nehmen.“

Unmittelbar nach dem Rauswurf des Karikaturisten Dieter Hanitzsch strahlte München.tv im „Stadtgespräch Spezial“ eine Talkrunde zum heiklen Thema aus. Während sich Dieter Hanitzsch gemeinsam mit dem 2. Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Yehoshua Chmiel der Diskussion stellte, bedauerte Moderator Jörg van Hooven, daß kein Vertreter der „Süddeutschen Zeitung“ Zeit für diese Diskussion hatte. Vielsagendes Kneifen bei den Chefredakteuren Wolfgang Krach und Kurt Kister. Dass der sonst für seine Logorrhoe und seinen erzieherischen Redeschwall so bekannte Heribert „Ayatollah“ Prantl die Chance nicht beim Schopf ergriff, indoktrinatorisch zu punkten, gibt zu denken. Wenn sich nicht einmal der Gladiator der Polemik in die Arena wagt, dann lässt das Spekulationen freien Lauf, daß im SZ-Turm von Zamdorf nach soviel Niedertracht und Zwietracht dicke Luft herrscht und Essentielles aus den Fugen gerät.

Die Süddeutsche Zeitung hat ein langes Antisemitismus-Sündenregister.
Deshalb hat sie ein besonders schlechtes Gewissen und ist mitunter zu überflüssigen Selbstanklagen bereit https://bayernistfrei.com/2018/05/18/hanitzsch/.
Hier ein Beispiel einer etwas ernsteren SZ-Sünde:
http://www.israel-nachrichten.org/archive/8025

Schon 1949 führte ein in der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckter Leserbrief eines gewissen Adolf Bleibtreu – nomen est omen – zu Straßenprostesten von 3000 erzürnten jüdischen Bürgern und 21 verletzten Polizisten in München. Warum? Eine Passage aus dem Leserbrief von „Adolf Bleibtreu“ lässt kaum Fragen offen:

„Geht doch nach Amerika, aber dort können Sie Euch auch nicht gebrauchen, sie haben genug von diesen Blutsaugern. Ich bin beim Ami beschäftigt, und da haben verschiedene schon gesagt, dass sie uns alles verzeihen, nur das eine nicht, und das ist: daß wir nicht alle vergast haben, denn jetzt beglücken sie (die Juden) Amerika …“

Der Antisemtismus war und ist nicht nur im linksliberalen Milieu zu Hause. Auch im linksradikalen. Protagonisten der RAF wie Wilfried Böse, der bei der Flugzeugentführung 1976 nach Entebbe (Uganda) zusammen palästinensischen Terroristen gemeinsame Sache machte, hatten keine Skrupel, jüdische Passagiere im Stile der Selektion auszusortieren um sie ihrem Schicksal zuzuführen. Eine israelische Spezialeinheit befreite die Geiseln und erschoss u.a. auch Wilfried Böse. Nomen est omen.

Seltsam auch der eigenartige Zungenschlag zum Thema RAF in der Süddeutschen Zeitung. Statt mit rigorosem Tacheles zu den barbarischen Verbrechen der RAF zu reagieren, scheint eine gewisse Distanzlosigkeit, eine fast klammheimliche Bewunderung für die Galionsfiguren der RAF im Raum zu wabern. So widmete Heribert Prantl dem 2004 in Athen verstorbenen RAF-Kämpfer Rolf Pohle einen für vernünftig denkende und fühlende Leser einen seltsam irritierenden Nachruf.

Aktuell fügte die SZ, indem sie panikartig ihre Ehre rettet, nur ihrem auffällig langen Antisemitismus-Sündenregister einen weiteren Eintrag hinzu.  Dass humanitärfrömmlerische Zeitungen in Antisemitismus abgleiten, überrascht nicht, wenn man die gemeinsame Herkunft des Antisemitismus, Antikapitalismus, Antikolonialismus und Antieuropäismus aus der Sündenbockfrömmelei der Zukurzgekommenen versteht.  Solange die SZ die Zeitung der EgalitärfrömmlerInnen bleibt, ist sie gut beraten, dass Thema Israel weiträumig zu umschiffen.

Das informative und lesenswerte Dossier zum Thema

„Antisemitische Karikaturen in der SZ: eine fragmentarische Bestandsaufnahme“

hat der Blogger Schlamassel Muc ausgearbeitet. Im Original findet es sich unter:

http://schlamassel.blogsport.de/2018/05/17/antisemitische-karikaturen-der-sz-eine-fragmentarische-bestandsaufnahme/

sz2018
SZ-Karikatur 15.5.2018

Am Dienstag, dem 15. Mai 2018, ist in der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine weitere antisemitische Karikatur erschienen. Die aus deren Ruinen der Münchner Neueste Nachrichten hervorgegangene SZ löste bereits 1949 mit einem antisemitischer Leitartikel und eine Reihe darauf folgender antisemitischer Leserbriefe eine Demonstration von Jüdinnen und Juden aus. Als sich die Münchner Polizei an die „endgültige Säuberung des Aufruhrorts“ (Vize-Polizeipräsident) machen wollte, schritt die US-Militärpolizei ein, um die Demontration zu schützen.

Vorlage für die aktuelle Karikatur des Zeichners Dieter Hanitzsch 2018 dürfte der am 13. Mai in der SZ erschiene Aufsatz „Netanjahu will den ESC für seine Zwecke missbrauchen“ der Israel-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid gewesen sein. Darin wirft Föderl-Schmid dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu vor, dass er den 1. Platz der israelischen Sängerin Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest (ESC) für seine Zwecke auslege.

Es ist allerdings nicht die Ausnahme sondern die Regel, dass sich Regierende auf die Erfolge nationaler Vertreterinnen und Vertreter bei nationalen wie internationalen Wettbewerben setzen. Föderl-Schmid misst Israel in ihrem Artikel mit einem doppelten Standard, der diese Karikatur im Rahmen des ESC bereits ohne die offensichtlichen Topoi der kritisierten Zeichnung in einen antisemitischen Kontext einbettet. Die neue Israel-Korrespondentin der SZ erhielt übrigens bereits Wochen zuvor eine Auszeichung von höchster Stelle, nämlich von der Wortführerin der Münchner BDS-Unterstützergruppe JPDG: „Ich gratuliere der sz für die Berichterstattung ihrer Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid“, schrieb Judith Bernstein begeistert.

Auf der Klaviatur hoch und runter
Der Zeichner Dieter Hanitzsch setzte bei der Ausgestaltung seiner Karikatur noch ein paar Schippen drauf. Netanjahu erscheint darin nach dem Muster klassischer antisemitischer Karikaturisten mit großen Ohren und einer Rakete mit Davidstern in der Hand (ehemals waren es meistens Messer). Dazu sagt er: „Nächstes Jahr in Jerusalem“, womit nicht nur gemeint sein kann, dass sich Netanjahu einen ESC in Jerusalem wünscht. Damit spielt Hanitzsch auf einen über Jahrhunderte bewährten Spruch von Jüdinnen und Juden in der Diaspora an. Da ist er also wieder, der ewige Jude, mit all seinen Marotten – heimtückisch, mordend, zersetzend und immerwährend religiös angeleitet.

Schlussendlich droht der ganze ESC bildlich zu verjuden, wie der Davidstern zwischen „Euro“ und „Vision“ suggeriert. Das Offensichtliche dieser Karikatur ist bereits nicht zu ertragen, auf der Meta-Ebene bilden sich weitere antisemitische Muster heraus. Die Karikatur macht aus einer Jüdin einen ganz anderen Juden und so entstehe „die antisemitische Grundform: ‚Der Jude‘“, analysiert beispielsweise das Blog „Nichtidentisches“. Antijudaismus und moderner sowie israelbezogener Antisemitismus fallen in dieser Karikatur auf nahezu lehrmeisterliche Weise zusammen.

Verrohung des Bürgertums
Die SZ wurde in ausgewählten Kommentarspalten zur aktuellen Karikatur „Waffen-SZ“, „Süddeutscher Beobachter“, „Stürmer“ und Ähnliches genannt – markige Sprüche, die das Problem allerdings relativieren. Die jüdischen Demonstrierenden hatten 1949 noch gute Gründe, die SZ „Stürmer of 1949“ zu nennen, schließlich befanden sich damals noch Ex-Nazis in der Redaktion. Seit einigen Jahrzehnten repräsentiert die Süddeutsche Zeitung allerdings einen Teil der bürgerlichen Mitte, die von Marc Felix Serrao bis Bernd Kastner reicht. Das macht das Problem nicht kleiner, sondern größer. Die SZ ist weder in einer „braunen“ oder „roten“ noch in einer „grünen“ Ecke, sondern eines der zentralen Organe der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft. Die kann eben auch verrohen.

In der Stellungnahme der SZ zur aktuellen antisemitischen Karikatur heißt es:

„[Die Darstellung der David-Sterne] hat innerhalb und außerhalb der SZ-Redaktion zu Diskussionen geführt. Der Karikaturist Dieter Hanitzsch sagt, er habe mit seiner Darstellung lediglich darauf hinweisen wollen, dass das nächste ESC-Finale 2019 in Jerusalem stattfinden soll. Trotz dieser Intention des Karikaturisten kann man die Zeichnung auch anders verstehen und als antisemitisch auffassen. Ihre Veröffentlichung war deshalb ein Fehler, für den wir um Entschuldigung bitten.“ (Stellungnahme 2018)

Mit dieser Stellungnahme schiebt die Redaktion die Hauptverantwortung auf den Zeichner ab – und entschuldigt sich generös, obwohl der Zeichner nur auf den Punkt bringt, was die Redaktion tagein tagaus an Artikeln durchwinkt – und im konkreten Fall durch die Feder Föderl-Schmids bereits angebahnt hat.

Ein Ausschnitt weiterer antisemitischer SZ-Karikaturen und Stellungnahmen vergangener Jahre:

In Anbetracht öffentlicher Reaktionen gibt der Zeichner, Burkhard Mohr, folgende Stellungnahme ab:
Dass die Karikatur zur WhatsApp-Übernahme durch Facebook, bei der ich eine überspitzte Zeichnung Mark Zuckerbergs in Kombination mit der Krake aus dem Film ‚Fluch der Karibik‘ dargestellt habe, wie eine antijüdische Hetz-Zeichnung aussieht, ist mir nicht aufgefallen. Gemeint war eine karikaturistische Überzeichnung der Firma Facebook jenseits spezifischer Personen, so wie ich es dies dann auch in einer überarbeiteten Karikatur dargestellt habe, die im allergrößten Teil der Auflage der SZ erschienen ist. Mir ging es nicht um Herrn Zuckerberg, sondern um Facebook. Es tut mir sehr leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist und ich womöglich die Gefühle von Teilen der Leserschaft mit meiner Zeichnung verletzt habe.“ (Stellungnahme 2014)

„Ernst Kahls gehörntes, hungriges Monster hat mit den antisemitischen Klischees nichts zu tun. Man muss das Bild zusammen mit der Bildunterschrift anschauen. Da heißt es: „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde betrachten das Land als einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.“ Also: Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen.
Nachdem das Bild aber zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen.“ (Stellungnahme 2013)

„Thema der Karikatur waren die Antisemitismus-Vorwürfe des israelischen Ministerpräsidenten und die Reaktion des französischen Staatspräsidenten. Eine antisemitische Tendenz war nicht beabsichtigt. Wir bedauern es sehr, wenn dieser Eindruck entstanden ist. Mit freundlichen Grüßen, Dr. Gernot Sittner, Chefredaktion, Süddeutsche Zeitung“ (Stellungnahme 2004)

Keine Stellungnahme gefunden:

SZ-Zeichnung: ein hakennasiger Ariel Sharon, der unter dem Mandat des Davidsterns den ehrbaren UNO-Beobachtern entgegen bellt: „Haut ab, ihr Unogaffer – hier ist Krieg…“ – um von Leichenbergen abzulenken, die den Bildern aus den Vernichtungslagern der Nazis zum verwechseln ähnlich sehen.“

 

 

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