Alter und neuer Sozialfaschismus

„Soziale Gerechtigkeit. Die Reichen mehr besteuern.“ Mit solchen Slogans trommelt die SPD gerne im Wahlkampf. Dass aber SPD-Ministerpräsidenten wie Malu Dreyer, Stefan Weil oder SPD-Granden wie Gerhard Schröder, Karl Lauterbach, Ulla Schmidt für Groß-Konzerne tätig sind oder in Aufsichtsräten hinter den Kulissen als Groß-Kopferte agieren, hängt niemand der Genossen so gerne an die große Glocke. Josef Stalin bezeichnete die Sozialdemokratie und den Faschismus als Zwillingsbrüder. Im folgenden Aufsatz nähert sich Dr. Wolfgang Caspart diesen Zwillingsbrüdern.

 

Alter und neuer Sozialfaschismus

von Dr. Wolfgang Caspart

Im Gefolge der Oktoberrevolution 1917 stellte sich trotz einiger Anfangserfolge (Räterepubliken in Ungarn und Bayern, Spartakistenaufstände, umfangreiche Streikbewegungen) die Weltrevolution doch nicht ein. Der Sitz der kommunistischen Weltbewegung konnte also nicht wie geplant nach Berlin verlegt werden. Als Gegenbewegungen etablierte sich nach dem Ersten Weltkrieg u. a. auch der Faschismus, zugleich kam es vielfach zu sozialdemokratischen Regierungsbeteiligungen und Regierungsübernahmen. Diese stellte die sowjetischen Bolschewisten natürlich vor inhaltliche wie argumentative Probleme.

 

Die kommunistische Internationale sah sich zwei neuen und zu bekämpfen Feinden gegenüber, dem Faschismus und der revisionistischen Sozialdemokratie. Für den orthodoxen Marxismus ist der Kapitalismus der Hauptfeind, gleichgültig ob er nun ein liberaldemokratisches oder ein faschistisches Hemd anzieht. Nach sowjetischer Lehre stellt der Faschismus den autoritären Versuch zur Rettung des Kapitalismus dar, während der Revisionismus sich mit den Kapitalismus arrangiert und damit den Klassencharakter des kapitalistischen Staates verschleiert. Deshalb sei die revisionistische Sozialdemokratie die Verräterin am Sozialismus und noch gefährlicher als selbst der Faschismus, weswegen sie sogar stärker als dieser zu bekämpfen sei. Als Kampfbegriff verwendete die kommunistische Internationale für die revisionistischen Sozialdemokratie ab 1928 die Bezeichnung „Sozialfaschismus“ (Brockhaus 1993, 20. Band, S. 530).

 

Mit dem Übergang zur Volksfronttaktik 1935 modifizierte die Komintern zwar „dialektisch“ ihre Haltung gegenüber der Sozialdemokratie und fand sogar zum Bündnis mit der angloamerikanischen „Plutokratie, bis sie ihr wieder den Kampf ansagte, doch bleibt die damalige Einschätzung auch für heute nicht ohne Würze. Es ist nämlich nur eine Frage der Größenordnung, wann Großkapitalismus und Sozialismus ineinander übergehen (Allen 1990, S. 22-46).

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Ulla Schmidt (SPD):  Dick im Geschäft sind einige SPD-Politiker wie die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, jetzt in der Wirtschaft bei einem Pharmakonzern aktiv (c) Wikipedia

Beispielsweise sprechen die Karrieren ausscheidender Politiker der Sozialdemokratie im Bankenwesen oder bei großen internationalen Konzernen für einen beträchtlichen Kern aktueller Wahrheit an dieser sozialfaschistischen Betrachtungsweise. In den großen internationalen Organisationen des „Kapitalismus“ (Internationaler Währungsfonds, Weltbank, EU-Kommission) kooperieren Sozialdemokraten nicht nur problemlos mit dem „Klassenfeind“, sondern stellen sogar einen großen Teil seines Apparates.

 

Wenn also im innenpolitischen Kampfgeschehen revisionistische Sozialdemokraten und Grün-Alternative alle ihre Gegner gerne als „Faschisten“ verunglimpfen (Knütter 1993), so ist es nur deren unendlicher Langmut zu verdanken, nicht schon längst mit dem gar nicht ohne weiteres zu entkräftenden Kampfbegriff „Sozialfaschismus“ zurückgeschlagen zu haben. Geistesgeschichtlich steht nämlich Rot-Grün dem Sozialfaschismus tatsächlich näher als die Rechte dem Faschismus. Hat sich doch der historische Faschismus selbst nie als „rechte“ Bewegung verstanden, sondern als links und rechts zugleich (Nolte 1963). Gerade die Ästhetik des Faschismus mit seinen Massenaufmärschen oder seine Gleichschaltungswut kommt lupenrein aus der linken Tradition des Sozialismus. Freilich wollen die heutigen Sozialfaschisten genausowenig gerne wie die alten an die Einschätzung erinnert werden, sie wären Pseudosozialisten und würden die Arbeit an das Kapital verraten.

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Literaturnachweis:

Garry ALLEN: Die Insider. Baumeister der „neuen Welt-Ordnung“. 10. erweiterte Auflag, Verlag für außergewöhnliche Perspektiven, Wiesbaden 1990.

Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 20. Band, Mannheim 1993, S. 530

Hans-Helmuth Knütter: Die Faschismuskeule. Das letzte Aufgebot der deutschen Linken. Ullstein-Verlag, Frankfurt am Mai 1993.

Ernst NOLTE: Der Faschismus in seiner Epoche. Die action francais – Der italienische Faschismus – Der Nationalsozialismus. Piper Verlag, München 1963.

(Aula 3/2005)

https://www.abgeordnetenwatch.de/blog/2017-08-02/abgeordnete-kassierten-millionen-aus-der-wirtschaft

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wechsel_zwischen_Politik_und_Wirtschaft

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialfaschismusthese

 

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