APO 2018. Ernst Elitz dirigiert das Panikorchester.

Der so oft zitierte „Qualitätsjournalismus“ hat längst seine Unschuld verloren. Beispielhaft für den Mißbrauch des Qualitätsjournalismus für plumpe Propaganda steht BILD-Doyen Ernst Elitz, verantwortlich für einen spektakulären Tiefpunkt journalistischer Ethik. In einem von „Cicero“ veröffentlichten Pamphlet gegen Vera Lengsfeld agitiert Elitz hemmungslos unter der Gürtelllinie.  Für jedermann sichtbar demonstriert Elitz keinerlei Skrupel, den Pressekodex mit Füssen zu treten und journalistische Fairness über Bord zu werfen. Nur um eine so mutige wie honorige Bürgerrechtlerin wie Vera Lengsfeld mit argumentum ad personam an den Pranger zu stellen. Ist Elitz der Kompaß abhanden gekommen?

Sicher. Die Nervosität im Bunten Kanal steigt angesichts der Tatsache, daß sich die Konturen einer APO 2018 erahnen lassen. Mir drängen sich Assoziationen an Udo Lindenbergs Panikorchester auf. Und ein Szenario wie auf der Andrea Doria. Alles klar?

Elitz höchstpersönlich rechtfertigte 2017 in BILD den Mut zur Lücke. Das heißt, das Filtern wichtiger Informationen wie Negativmeldungen über Merkels Gäste. Elitz begründete dies sinngemäß mit Professionalität im Journalismus. Gerade hier scheint es zu hapern.

In der „Achse des Guten“ macht sich Jesko Matthes, ein früherer RIAS-Mitarbeiter und somit Ex-Kollege von Elitz Gedanken über die neuesten Schachzüge von Ernst Elitz. Später wurde Jesko Matthes, der die „Erklärung 2018“ von Vera Lengsfeld ebenfalls unterschrieben hat,  Chirurg und Hausarzt.

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TITANIC (1912) (c) Wikipedia

Mit Ernst Elitz auf der Titanic

von Jesko Matthes

 

Mit Ernst Elitz auf der Titanic

Nun rudert Ernst Elitz also zurück:

„Wir haben ja nun mal eine demokratische Ordnung, wo die Politik sich bei drängenden Fragen – und sie kann natürlich auch durch solche Petitionen dazu gebracht werden – einen Rat der Weisen oder Sachkundigen beruft. Die dann natürlich von unterschiedlichen Richtungen kommen müssen. Und da können natürlich Vorschläge, wie sie von den Unterzeichnern der Petition gemacht worden sind, eingereicht werden. Aber die Unterzeichner der Petition sind dann nicht die Einzigen, die in einem demokratischen Wesen darüber entscheiden, wer in eine solche Kommission kommt. Das muss man dann natürlich den gewählten Volksvertretern überlassen.“

Halten wir zunächst nur fest: „Natürlich, natürlich, natürlich“! Ernst Elitz ist keiner dieser ach so natürlichen, gewählten Volksvertreter.

Ernst Elitz und ich, wir haben eine kleine Gemeinsamkeit. Keine große. Wir haben beide für den RIAS Berlin gearbeitet. Ich war ein unbedeutendes Lichtlein auf dieser von den USA finanzierten Sahnetorte des Kalten Krieges. Ich saß hinter dem Mikrofon der Jugendwelle RIAS 2.

……..

Eine freie Stimme der freien Welt

Der RIAS nannte sich „eine freie Stimme der freien Welt“. Zuweilen vernahm man die „Freiheitsglocke“. Ihr sonntägliches Läuten war im RIAS regelmäßig gefolgt vom „Freiheitsgelöbnis“. Es soll noch heute auf Deutschlandradio Kultur zu hören sein und lautet:

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.“

Und da endet meine Gemeinsamkeit mit Ernst Elitz. …... Elitz brachte es später zum hoch dekorierten Gründungsintendanten seiner Nachfolgeanstalt, des Deutschlandradios. Ernst Elitz hat das Bundesverdienstkreuz bekommen. Ich wurde Chirurg, später Hausarzt.

2015 und 2016 habe ich umfangreiche medizinische Hilfe für Flüchtlinge und Migranten geleistet. Eine Weile habe ich überlegt, ob ich die „Erklärung 2018“ mit unterschreiben soll. Dann tat ich es. Ihr Text ist einfach. Er verlangt nichts Abwegiges, Unmenschliches: nur die Achtung, Wiederherstellung und den Schutz des Rechts, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenwürde für jene, die bereits hier, in dem Land leben, dessen Staatsbürger auch Sie sind und ich. Und Ernst Elitz. Man kann diesen Text ablehnen, man kann und darf ihn kritisieren und diskutieren, das wäre noch nicht einmal sehr schwierig; es ist ja kein „akademischer“ Text. Warum, falls er das wollte, tut Ernst Elitz es dann nicht? Warum provoziert ein so einfacher Text ihn stattdessen zu lauter scheußlichen, polemischen Unsachlichkeiten?

Anti-elitäres Ressentiment?

Wenn ich schon – was soll’s, ich kenne das Spielchen ja – mit gleich mehreren verschieden großen (!) Versionen Alexander Gaulands, mit Pegida, AfD, allen möglichen Sekten und einer „verbitterten“ Vera Lengsfeld in einem Boot sitze… um Himmels Willen, dann wird mir – während ich lachend mit Vera Lengsfeld auf so lesbar gelassene und unverbitterte Leute wie Ernst Elitz anstoße – angst und bange: In welchem Boot sitzt er? In jenem leck geschlagenen Ozeanriesen, dessen Führung nur noch entweder phrasenhafte Stilblüten verbreiten oder gleich giftig, gallig und auf schmutzige Weise persönlich werden kann?

Welches anti-elitäre Ressentiment (lies: welches wirkliche Scheinargument der Ungleichheit) gegen „Doktores“ und Akademiker, treibt ihn – den magister artium, Meister der schönen Künste, den Hochschullehrer – an? Kann er ein paar zehntausend Mausklicks nicht ertragen, hindern sie ihn wirklich an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Uwe Tellkamp oder Rüdiger Safranski, die er anzumahnen vorgibt?

So schnittig sieht der angeblich unsinkbare Kahn, in dem Ernst Elitz offenbar der selbst ernannte Bordfunker ist, also nicht aus. Man sieht längst dessen Schieflage. Ich denke, Ernst Elitz weiß das sehr genau. Ansonsten wäre er zu einer Analyse dieser Schieflage fähig, hätte seine „überfällige Debatte“ eröffnet – und nicht stattdessen einfach ein paar angebliche Piraten herausgepickt und verbal kielholen wollen. Es ist ein schlechter Bordfunker, der in Seenot vorgibt, das Überfällige längst zu wissen und… nichts vermeldet, außer, dass ein paar Meuterer es gewagt haben, in ein kleines Rettungsboot zu steigen und von dort aus selber zu funken. – Ach, Ernst Elitz… der RIAS hat auch mal so angefangen.

Das, was er dagegen selbst geschrieben hat, ist kein Text zur Verteidigung der Demokratie, kein Text für „Cicero“. Es ist ein Funkspruch aus dem ächzenden Bauch der „Titanic“.

2 Kommentare zu „APO 2018. Ernst Elitz dirigiert das Panikorchester.“

  1. Gegen den Wind zu pissen mag im ersten Moment Erleichterung verschaffen. Beim zweiten Hinsehen aber gesellschaftlich wenig überzeugend. Mit Zurückrudern wird Elitz das Malheur aber nicht mehr elegant aus der Welt schaffen.

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