Weihnachtsfrieden 1914

Ohne den Ersten Weltkrieg, der „Ur-Katastrophe“ unserer Zeit, wäre das 20. Jahrhundert ein deutsches Jahrhundert geworden. Deutsche Wissenschaftler, Mediziner, Musiker, Ingenieure, Forscher, Chemiker, Pharmakologen, Physiker, Literaten, Geologen, Enzyklopädisten und Dokumentaristen waren führend in der Welt.

Die Liste klangvoller Namen aus dem Land der Dichter und Denker war kaum überschaubar.

„Die Weltgeschichte ist auch Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre“ (Konrad Adenauer)

Anders als bei der Kubakrise 1962, wo durch kluge Diplomatie ein Weltkrieg verhindert werden konnte, standen die Pazifisten im Juli 1914 auf verlorenem Posten. Es war ein point of no return, als Propaganda und Kriegsmaschinerie ins Rollen kamen. „In Europa gehen die Lichter aus“ sah der britische Außenminister Edward Grey schon am 3. August 1914 voraus. Selbst der Weihnachtsfrieden 1914 und die Kriegsweihnacht 1914 waren nur ein Träne im Ozean.

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Fraternisierung deutscher und englischer Soldaten. „Fritz“ und „Tommy“

Britische und deutsche Soldaten legten an der Westfront spontan die Waffen nieder und begegneten sich friedlich, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.

„Ein Korrespondent einer englischen Zeitung schrieb, es sei einigen Deutschen gelungen, einen Schokoladenkuchen über das Niemandsland zu befördern, der nur zu gerne von den Briten angenommen worden sei. Es scheint ebenfalls ein deutscher Soldat gewesen zu sein, der einem britischen Soldaten auf Englisch zurief, dass die Deutschen um eine bestimmte Uhrzeit (einige Quellen geben 7:30 Uhr an) einige Weihnachtslieder singen wollten und dass der „Tommy“ doch deshalb nicht schießen möge. Als Zeichen wolle er Kerzen auf den Grabenrand stellen. Die Briten akzeptierten den Wunsch. Als das Konzert der Deutschen beendet war, applaudierten die Gegner und wurden von den Deutschen aufgefordert mitzusingen. „ (Wikipedia)

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Weihnachtsfrieden 1914

Als deutsche Soldaten im Schützengraben „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sangen kam es zu einer vorübergehenden Fraternisierung.

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https://pierrickauger.wordpress.com/2013/12/25/25-decembre-1914-les-ennemis-fetent-noel-ensemble/

Diese wurde nach wenigen Tagen von den vorgesetzten Offizieren unterbunden. Die Soldaten konnten nicht ahnen, daß Ypern, Verdun oder die Schlachten an der Somme oder am Isonzo das Leben hunderttausender junger Männer noch dahinraffen würde.

Die Direktionsgewalt des Ersten Weltkriegs auf das 20. Jahrhundert sollte sich als so fundamental wie traumatisch erweisen. Die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs haben nicht nur die Weltordnung, sondern auch die Gesellschaftsordnung auf den Kopf gestellt. Monarchien und Dynastien brachen in sich zusammen. Neue Grenzen wurden nicht nach Ethnien, sondern gegen vitale Interessen von Volksgruppen und nach Einflußspären oft willkürlich gezogen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II forderte die Hegemonie-Ansprüche der Weltmacht Großbritannien heraus. Eine Steilvorlage für Bellizisten und Kriegstreiber. Der nachfolgende Blutzoll war so kolossal wie grauenhaft.

Ein Krieg, der bis Juli 1914 vielleicht noch vermeidbar gewesen wäre. Die Ermordung des französischen Pazifisten Jean Jaurès am Vorabend des Kriegsbeginns am 31. Juli 1914 in Paris durch einen französischen Nationalisten war ein Fanal. Ein Kataklysmus in einer Unbeherrschbarkeit, der vom gewöhnlichen Ignoranten, damals Schlafwandler – heute Bahnhofsklatscher und Buntblödel – komplett unterschätzt wurde und an die Vorgänge auf der „TITANIC“ erinnert, als die Passagiere bis 5 nach 12 noch der Unbekümmertheit frönten.

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Jean Jaurès, französischer Historiker und Pazifist, ermordet am Vorabend des Kriegsbeginns am 31.7.1914 in Paris (c) Wikipedia

Nach Kriegsbeginn am 1. August 1914 schlitterten die Nationen Europas zunächst in einem auf den alten Kontinent beschränkten Krieg. Die Kaskade war aber nicht mehr aufzuhalten. Im Stil eines Domino-Effekts griff der Krieg wie ein Flächenbrand bald auf das Osmanische Reich, Australien, Neuseeland, Kanada, Südafrika und Japan über. Als Kriegsgegner trat der britische Minister John Elliott Burns ebenso wie John Morley nach Kriegsausbruch 1914 von seinem Ministeramt zurück und beendete 1918 auch seine Tätigkeit als Abgeordneter. Fortan erschien er auch nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Der Aderlaß der Jugend der Welt, die sich eigentlich bei den Olympischen Spielen 1916 in Berlin friedlich treffen sollte, war von apokalyptischem Ausmaß.

In einer so nicht für möglich gehaltenen Brutalität von Stahlgewittern ging so manches blutjunge Leben in einer grauenvollen Umgebung und Unbarmherzigkeit zu Ende, das am Zenit seines Könnens als Wissenschaftler, Künstler oder Sportler noch für Sternstunden der Menschheit hätte sorgen können. Auf deutscher Seite wurden zwei Nobelpreisträger Opfer des Krieges: Karl Ferdinand Braun und Eduard Buchner.

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Eduard Buchner, Nobelpreis für Chemie 1907, gefallen 1917 in Rumänien

Maler wie August Macke und Franz Marc fielen ebenso wie Dichter und Literaten wie Gerrit Engelke, Walter Flex, Gorch Fock, Norbert von Hellingrath, Kurt Jahn, Hermann Löns, Reinhard Sorge, Ernst Stadler, August Stramm, Georg Trakl oder Ernst Wurche. Ärzte wie Hans Breuer, Clemens Harms, Komponisten wie Rudi Stephan, Weltklasse-Sportler wie Hanns Braun oder der dänische Regisseur Stellan Rye, der auf deutscher Seite in Frankreich „auf dem Feld der Ehre“ blieb.

Die Franzosen beklagen Gefallene wie den Maler Henri Alain-Fournier, die Dichter Paul Drouot, Charles Pégoud und Louis Pergaud, den Weltklasse-Athleten Jean Bouin oder Flugpioniere wie Roland Garros oder Adolphe Pégoud.

In jungen Jahren verlor Italien Talente wie den Bildhauer Umberto Boccioni, den Architekten Antonio Sant´Elia oder Schriftsteller wie Renato Serra oder Scipio Slataper.

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Scipio Slataper (1888-1915) italienischer Dichter „Il mio carso“ gefallen 1915 am Isonzo

Luxemburgs Tour de France-Sieger Francois Faber fiel 1915 in Frankreich, Neuseelands viermaliger Wimbledon-Sieger Anthony Wilding verblutete 1915 in Flandern.

Die Eindrücke aus dem Blickwinkel der Zeit über einen blutigen und gnadenlosen Krieg finden sich in einem der bekanntesten Literaturzeugnisse „Auf Flanderns Feldern“, verfasst vom kanadischen Offizier, Schriftsteller und Arzt Lieutenant Colonel John McCrae (+1918):

In Flanders Fields

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields

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Henry Moseley (1887-1915) britscher Physiker, gefallen 1915 in Gallipoli verhinderter Nobelpreis-Kandidat

Zu den Verlusten auf britischer Seite gehörten der Komponist George Butterworth, der Physiker Henry Moseley und der Dichter Wilfred Owen, über den es in den letzten Tagen des Krieges hieß „killed in action“. Owen war der bedeutendste Zeitzeuge des Ersten Weltkriegs in der englischen Literatur.

Anthem for Doomed Youth

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells,
Nor any voice of mourning save the choirs, –
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.

What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of goodbyes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing down of blinds.  (Wilfred Owen)

Das gegenseitige Abschlachten endete keineswegs mit dem Waffenstillstand 1918 oder dem Versailler Vertrag 1919. Ebenso nicht mit den nicht minder fatalen und demütigenden Verträgen von Trianon und Sèvres.  Das war erst der Auftakt zu blutigen Bürgerkriegen in der entstehenden Sowjetunion und zum Zweiten Weltkrieg. Der bis heute andauernde Unfrieden in Nahost ist Konsequenz des Ersten Weltkriegs und des Geheimabkommens von Sykes-Picot.

Anhang:

https://en.wikipedia.org/wiki/Christmas_truce

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.erster-weltkrieg-der-kleine-weihnachtsfriede-1914.ba1bfe02-520b-46c6-99a7-46d807222c2d.html

https://de.sott.net/article/27437-Ein-kleiner-Weihnachtsfrieden-im-Groen-Krieg-1914

https://bayernistfrei.com/2017/04/07/kriegspropaganda/

https://bayernistfrei.com/2016/12/06/maria-l/

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/2412-weihnachtsfrieden-1914-erster-weltkrieg-100.html

http://www.smartweek.it/i-10-famosi-artisti-morti-in-trincea-durante-la-prima-guerra-mondiale/

2 Kommentare zu „Weihnachtsfrieden 1914“

  1. Nachdem mir in den Jahren nach meiner Verrentung und mit der ersten Pegida-Demo Januar 2015 in München so langsam klar wurde, dass die Systemmedien das Blaue vom Himmel erzählen, hat dies auch mein geschichtliches Interesse geweckt. Ob meine Lebenszeit, -kraft und -Energie reichen, tiefer in die verworrene, verzwickte Materie einzutauchen, bleibt fraglich. Jedenfalls war mit meiner Herbstreise nach Verdun ein Anfang gemacht. Dann stößt man auf sorgfältig recherchierte Berichte von Philolaos, hat kaum Muße, das Leben der erwähnten Personen genauer zu verfolgen und landet beim Focus:

    https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/erster-weltkrieg/erster-weltkrieg-frankreich-und-der-ausbruch-des-ersten-weltkrieges-grande-nation-mit-grosser-schuld_id_6208851.html

    Gefällt 1 Person

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