Großbritanniens Theresa May – die Merkel-Kopie?

Großbritanniens EU-Austritt machte zunächst die Konservativen (Tories) glücklich, und Premierministerin Theresa May verstand es, sich an die Spitze der neuen Welle zu setzen, obwohl sie sich zuvor skeptisch gegeben hatte. Jetzt titelt der Economist „Theresa Maybe“. Zu Neujahr hielt May eine Ansprache über warm-wirr-wohlfeile Wischiwaschi-Wohlfühlvisionen („Shared Society“ statt Camerons „Big Society“), die manchen an deutsche „soziale Marktwirtschaft“ erinnern unter den eigenen Leuten für ein gewisses Unbehagen sorgen. received_1306955732708448.pngDazu trug auch der Abgang des britischen EU-Botschafters Ivan Rogers bei, bei dessen pessimistischen Berichten aus Brüssel es schwer zu sagen war, wie viel von dem Pessimismus einfach den realistischen Einschätzungen eines Kenners und wie viel der womöglich zwanghaft-bunten EU-Freundlichkeit und Brexit-Ablehnung des Mannes geschuldet war. Der Vergleich von May mit Merkel ist alt. Gerade die deutschen EU-Binnenmarkt-Enthusiasten und Brexit-Gegner lancierten diesen Vergleich sehr früh, um damit die Botschaft zu verbinden, dass Theresa May ähnlich wie Angela Merkel sich gegenüber den großen globalen Wirtschaftsinteressen „pragmatisch“ (d.h. konformistisch) verhalten werde. Peter Helmes glaubt auch an diese Ähnlichkeit, die uns wieder unwillkürlich an viel diskutierte Erfahrungen der letzten Zeit denken lassen mag, wonach das weibliche Geschlecht tendenziell die bessere Hälfte der Familie aber nicht des Staates ist. Um solche Gedanken auf ein Individuum wie Theresa May übertragen zu wollen, geben die bisherigen Erfahrungen aber wohl nicht genug her. Zur Beurteilung der Lage können die folgenden Videos helfen.

  • Brexit-Central-Sprecher erklärt, warum jetzt genau der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt des EU-Botschafters gewesen sei:
  • EU-Botschafter Ivan Rogers sah sich nicht im Stande, seine Aufgabe wie vorgesehen bis Herbst gut zu erfüllen. Ein vertrauensvoller Draht nach London fehlte.  Souveränist Nigel Farage und Europäist Nick Clegg machen jeweils auf ihre Weise deutlich, dass der ideologische Graben zwischen beiden Lagern die Zusammenarbeit erschwert haben könnte. 
  • Die Neujahrsbotschaften von Theresa May tragen zu einem Klima der Verunsicherung bei:
  • Theresa May und Analysten rücken die Stimmungsmache zurecht.
  • Vergleiche von May mit Merkel gab es in vielen Postillen.  Eine FDP-nahe Wirtschaftszeitung versicherte, mit May werde alles gut, da sie wie Merkel sei.  Eine DKP-nahe „sozialistische Wochenzeitung“ meint hingegen, mit ihr werde aus dem gleichen Grund vieles schlecht.   Das auch weil sie die soziale Komponente des Nationalstaats in einer Weise betont, die auf allen Seiten Verdacht aufkommen lässt.
  • Bei der Beurteilung der Kampagne des Economist sollte man wissen, dass dieser nicht etwa kühles ökonomisches Kalkül sondern sehr oft hohles globalhumanitaristisches Pathos vertritt, wie etwa im folgenden Video aufgezeigt wird.  Der Econonmist liebt es, gegen Politiker zu wettern, die dieser Tendenz entgegen stehen. Jahrelange zog er gegen Berlusconi und Putin vom Leder.