„Deutschland, Schlaraffenland“ oder: der Untergang Europas – Rolf Peter Sieferles† letzter Essay

Erst wenn der Vorwurf der Egalitärbigotterie schwerer wiegt als der Vorwurf des „Rassismus“, kann sich das Blatt zu wenden beginnen. Dann wird wahrscheinlich die Grundlage des meisten einst florierenden europäischen Nationalstaaten unwiederbringlich zertrümmert sein, aber es wird sich noch immer lohnen. Unser Jahrhundert wird wohl nicht nur multipolar und souveränitätsbetont werden müssen, wie es etwa die BRICS-Staaten gerne fordern. Die erneut zum Grundprinzip werdende Souveränität wird vor allem eine Souveränität des Abschottens sein müssen.  Man wird erkennen müssen, dass Politik nur wenige Probleme lösen kann, und erst recht wenige  globale Probleme.   Man wird anfangen müssen,  die „Populisten“ zu respektieren, die  „einfache Lösungen“ vorschlagen.  Gute Lösungen sind meistens einfach, und viele Probleme haben gar keine Lösung.  Angebliche Komplexität ist regelmäßig eine Ausrede von Leuten, die auf keiner Ebene auch nur ansatzweise eine Lösung anzubieten haben.   Man lese etwa was Institutschef Klingholz, der die Bundesregegierung bezüglich ihrer Afrika-Politik berät, bei allen bitteren Erkenntnissen am Schluss doch wieder süßraspelt: „Mit den Populisten können wir die globalen Probleme noch schlechter lösen“.  Genau so ist es: wir sollen endlich auf der Ebene Probleme zu lösen beginnen, wo es Lösungen gibt.  Dafür stehen die „Populisten“.

jurgen-fritzMan wird das ältere Erfolgssmodell, das im späteren 20. Jahrhundert zu Unrecht für die vorige kriegerische Entwicklung verantwortlich gemacht wurde, nämlich den Nationalstaat als generationenüberdauernder Vertrags- und Verantwortungsgemeinschaft, möglichst schnell rehabilitieren und neu erlernen müssen. Das bedeutet nicht, dass man die Abstammung mit besonderen Mythen überbetonen und zu einem Reinheitsfimmel steigern muss, aber das steht sowieso nie zur Debatte. Die Hauptursache für den Ersten Weltkrieg ist im Wettbewerb der Imperien zu suchen, hinter dem wiederum Generationen überschüssiger junger Männer stehen, die als Kanonenpulver sozialisiert wurden. Die Hexenjagd gegen angeblich gefährlichen „Nationalismus“ ist größtenteils ein anachronistische Bewegung. Ideologien, die den Krieg legitimieren, sind austauschbar und vielfältig. Derzeit taugt dazu neben dem Koran besonders die Ideologie der Menschenrechte. Sie sind meistens ein oberflächlicher geistiger Überbau über den materiellen Wirkungskräften, die aber nicht von Karl Marx sondern von Gunnar Heinsohn adäquat beschrieben wurden. Die Erkenntnis von der Hartnäckigkeit der kulturellen und biologischen Vererbung kommt hinzu, aber den wesentlichen gedanklichen Rahmen, in den sie einzuordnen ist, hat Sieferle sehr klar und griffig erfasst. Allein schon die Metapher vom bunten Politikmodell als „Aufdrehen der Heizung bei geichzeitigem Öffnen aller Fenster“ weckt die Leselust.

philosophia perennis

Ein Gastbeitrag von Jürgen Fritz

A. Vorwort

Er war ein großer Gelehrter, Zivilisationskritiker und Regierungsberater. 1949 in Stuttgart geboren, lehrte er seit 2000 an der Universität St. Gallen Geschichte, lebte in Heidelberg, wo er sich am 17. September im Alter von 67 Jahren das Leben nahm. Im Winter 2015/16 erschien sein letzter Essay „Deutschland, Schlaraffenland – Auf dem Weg in die multitribale Gesellschaft“.

Ich selbst hatte in der Oberstufe Geschichte Leistungskurs, habe in Heidelberg Geschichte im Nebenfach studiert und dann später unterrichtet. Ich kann mich nicht erinnern, je einen besseren Text eines Historikers gelesen zu haben. Bereits nach den ersten Sätzen von Rolf Peter Sieferle spürt man regelrecht: Hier schreibt ein großer Geist. Ein großer Geist, dessen Bücher und Essays aber viel zu wenig gelesen werden. Daher will ich im Folgenden versuchen, seinen letzten veröffentlichten Essay einem größeren Leserkreis ein klein wenig näher zu bringen, a) weil dieser Mann das…

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