Sloterdijk: einsamer Realist unter Schrecklichen Kindern

Sloterdijk Safranski Abschied von ZDF
Lotsen gehen von Bord. Das Philosophische Quartett verabschiedete sich 2012

Peter Sloterdijk erklärt erneut die ethischen Probleme der Asylmigration aus verantwortungsorientierter Sicht: „Wir haben das Lob der Grenze nicht gelernt“, sagte Sloterdijk. In Deutschland glaube man immer noch, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“. Innerhalb Europas schere Deutschland damit aus. „Die Europäer werden früher oder später eine effiziente gemeinsame Grenzpolitik entwickeln. Auf die Dauer setzt der territoriale Imperativ sich durch. Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

Auch an dieser Stelle noch einmal der Hinweis auf drei Grundregeln der Politik, die Sloterdijk in seinem Buch DIE SCHRECKLICHEN KINDER DER NEUZEIT formuliert:

  1. „Es werden auf den Feldern moderner Politik und Kultur stets mehr Täuschungen, Wahnkonzepte und Angebote an die Deliriumbereitschaft des Publikums in die Welt entlassen, als je in realistische Projekte reintegriert werden können.“
  2. „Es werden durch die Ausstrahlung der Bilder reichen Lebens weltweit fortwährend mehr Ansprüche auf Teilhabe an Gütern und Statussymbolen hervorgerufen, als sich jemals durch nicht-kriminelle Formen der Umverteilung von Wohlstand befriedigen lässt.“
  3. „Es werden der Problemlösungsfähigkeit künftiger Generationen zunehmend mehr Aufgaben aufgebürdet, als diese durch die Übernahme eines Kompetenz-Erbes der vorangehenden Generation und dessen Ergänzung durch eigene Erfindungskräfte meistern könnten.“

„Dem Nationalstaat prophezeit Sloterdijk „ein langes Leben“. Er sei das einzige politische Großgebilde, das bis zur Stunde halbwegs funktioniere. „Als lockerer Bund hat die EU mehr Zukunft, als wenn sie auf Verdichtung setzt.“
Kritik übt der Philosoph auch am Zustand der Medien wie der Politik im allgemeinen: „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr.“ Im Journalismus trete die „Verwahrlosung“ und die „zügellose Parteinahme allzu deutlich hervor“. Das Bemühen um Neutralität sei gering, „die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.““

Vor einigen Monaten beschäftigten wir uns mit Sloterdijks Beobachtung, den Europäern der Neuzeit sei die zum politischen Überleben notwendige Fähigkeit zur „Wohltemperierten Grausamkeit“ verloren gegangen, und zitierten dabei folgendes aus einer Diskussionsrunde welche die Ratlosigkeit führender Intellektueller in einer Ödnis der humanitäranarchistischen Unvernunft offenbarte:

„Man kann es machen wie die Kanadier oder die Australier oder die Schweizer. Dabei geht es jedes Mal darum, dass eine Nation, eine allzu attraktive Nation, ein Abwehrsystem aufrichtet, zu dessen Konstruktion so etwas wie eine wohltemperierte Grausamkeit vonnöten ist. Das ist nun das Hauptproblem: Die Europäer definieren sich selber als gutartig und nicht grausam, und es gibt aber auch eine entsprechende Publizistik, die erste Ansätze zu einer defensiveren oder grausameren Grundhaltung sofort als Zivilisationsschande höchster Größenordnung denunzieren.“

Peter Sloterdijk wird gelegentlich von dem Philosophie-Papst Jürgen Habermas und Meister des bunt-verfassungspatriotischen herrschaftsfreien Herrschaftsdiskurses angefeindet, der wiederum seit den frühen 90er Jahren explizit die Auflösung der Nationalstaaten aus humanitären Imperativen predigt.

Sloterdijk konnte man vor ein paar Jahren zusammen mit Gunnar Heinsohn und Rüdiger Safranski als Diskutanten im „Philosophischen Quartett“ erleben, wo sie auch deutlich auf bevölkerungs- und migrationspolitische Probleme eingingen, bis diese Sendung durch einen politisch korrekten Nachfolger ersetzt wurde und in der Bedeutungslosigkeit verschwand.



S. auch ZDF-Archiv Das Philosophische Quartett

Von der Feindseligkeit der Medienwelt gegenüber der ketzerischen Sendung sprachen Sloterdijk und Safranski kurz vor deren Ende mit der Zeit unter dem bezeichnenden Titel Vielleicht waren wir zu früh. Es könnte sein, dass Muttis Brachialpolitik tatsächlich die Leitkultur ändert, aber in jenen vorigen Jahrzehnten bewegte sie sich von Jahrzehnt zu Jahrzzehnt immer weiter in die humanitärbigott-sozialkreationistische Richtung.

Eine staatsalimentierte linksalternative Kampfpostille warf Sloterdijk Steine hinterher. Der „neoliberale“ Realismus des Philosophischen Quartetts war ihr offenenbar ein Dorn im Auge gewesen, und sie reagierte wie es sich für gute Neojakobiner gehört mit Abwertung der Person: „Ein Scharlatan muss gehen„.

Auch Safranski und Heinsohn sind in den letzten Monaten mit sehr harscher Kritik an der herrschenden pseudohumanitären Ideologie und ihren verheerenden Auswirkungen hervorgetreten und ihrerseits von staatsalimentierten Moralpredigern entsprechend wüst attackiert worden.

Rüdiger Safranski sagte kürzlich der Weltwoche, in der deutschen Politik herrsche eine „moralistische Infantilisierung“ vor.

Von Heinsohn berichteten wir kürzlich.

Laut Tagesspiegel übertrifft Sloterdijk die anderen „nationalkonservativen Intellektuellen“ noch „an Schärfe“. Der DLF versucht, thematisiert eine lapidare Bemerkung von Sloterdijk über Zusammenhänge zwischen Terrorismus und Mediensensationalismus, vielleicht um sie zu skandalisieren. Im letzten Jahr hatte der DLF Sloterdijk bereits einmal zur Völkerwanderungsproblematik befragt und seine wesentlichen Standpunkte recht brauchbar dokumentiert. Der DLF zeigt unterdessen kaum Anzeichen einer Reifng hin zu einer neuen Epoche des Philosophischen Quartetts, im Gegenteil. Noch schreitet die moralistische Infantilisierung und mit ihr die Polarisierung in zweierlei Medien voran.

Kurznachrichten

Sloterdijks „Lügenäther“ wird flugs mitsamt Erklärungen zum geflügelten Wort, so etwa in einer Nachlese zur Maischberger-Sendung, die regelwidrige Absprachen zwischen Augstein und Maischberger aufdeckt.
Über eine vielschichtige staatliche Alimentierung der neojakobinischen Kämpfer hat die JF heute 29. Jan eine Pressekonferenz abgehalten.
Raphaele Lindemann, der gelegentlich als Arzt im Erstaufnahmelager arbeitet, liefert eine Kombination von herzzerreißendem Erfahrungsbericht mit humanitärbigottem Anstandssermon und pseudorationalem Globalismus-Imponiergehabe ab, die man ruhig zur Kenntnis nehmen sollte, bevor man unsererseits in allzu bequemen Leugnungsargumenten a la „Das sind doch gar keine Flüchtlinge“ Zuflucht sucht.
Bei der Analyse der Petry-Schießbefehl-Lüge zeigt sich erneut, das Sloterdijks Gedanken zur Klärung wesentlicher Punkte beitragen können.
Peter Helmes berichtet über Sloterdijks neue Aussagen und verwandte Themen, PEGIDA München diskutiert.

PEGIDA Bayern diskutiert und bereitet sich auf Kundgebungen in Bayern einschließlich München vor.

5 Kommentare zu „Sloterdijk: einsamer Realist unter Schrecklichen Kindern“

  1. Peter Sloterdijk ist kaum angreifbar auf seinem intellektuellen Gipfel von Einsicht und Erklärung. Verdienstvolle Bemühungen seine Gedanken zu verbreiten wie durch Cicero finden sich auch hier:
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/sloterdijk-attackiert-merkel-ueberrollung-verwahrlosung-luegenaether/12893276.html
    Es ist nur zu hoffen, dass die Leuchtturmzeichen intellektueller Einsicht und Erklärung ihren Widerhall finden in Menschen, die bislang mehr wohl Opfer des manipulierenden Mainstreams, Verführte von Kampf-, Leit- und Lala-Medien sind. Erinnert ans Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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  2. Sloterdijk irrt. Keinesfalls fehlt es etwa Deutschland an wohltemperierter Grausamkeit. Die Analyse ist seltsam flach. Grausamkeit findet in Deutschland gezielt, effektiv und hart statt. Jeden Tag. Der Azubi, der seine Ausbildung verliert, weil er gegen die Invasion ist. Der WELT-Redakteur, der sofort fliegt. Der Chemieprofessor, der Angst um seine Familie hat und seine Karriere beendet findet. Die WDR-Freelancerin, die zum sofortigen Widerruf gezwungen wird. Nein, an Grausamkeiten fehlt es im System keineswegs. Nur gehen diese schlicht in eine andere Richtung, als von Sloterdijk angenommen. Die Frage ist nicht, warum Grausamkeit fehlt, sondern warum diese sich gegen das eigene Volk richtet und nicht gegen die unverschämten Invasoren. Sloterdijk findet nicht nur keine Antwort, er stellt sie nicht einmal.

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    1. Grenzen gegen Aufständische, gegen Kämpfer zu sichern, bedarf weit mehr als diesen akademisch geschönten Begriff von „wohltemperierter Grausamkeit“. Wie Besatzungssoldaten, Journalisten und Hilfskräfte in Kabul und anderswo in Afghanistan erleben und erleiden mussten, wurde der als „humanitäre Hilfsaktion“ verkaufte Einsatz dann doch zum Krieg. Krieg ist immer grenzenlos, weil Krieg die Grenze von Leben zu Tod überschreitet. Individuell und kollektiv. Wenn ein Professor, anerkannt in Philosophie und Publikationen, dann es wagt, von „wohltemperierter Grausamkeit“ zu fabulieren, dann feiern das die Menschen, welche nach Spuren von Realitätssinn in der öffentlichen Auseinandersetzung suchen, als „wunderbare Wahrheit“. Doch eins scheint mir gewiss: Mit „wohltemperierter Grausamkeit“ kann kein Soldat im Einsatz sein Leben sichern, die Grenze vom Überleben zur Verwundung, zum Sterben nicht wahren.

      Dass dann der professorale Philosoph einen Gedanken noch hätte verschwenden sollen an die, welche für ihre kritische Systemkritik gestraft werden bis zum Versuch, ihre Existenz zu vernichten durch Lug, Trug, Wortverdrehung und öffentliche Diffamierung – wie am Beispiel Pirincci – das hat doch Sloterdjik überhaupt nicht auf dem Schirm. Sloterdjik erschrickt mit „wohltemperierter Grausamkeit“ ein wenig den Schlaf der Ungerechten, welche bestenfalls nach einem Schrecken vergleichbar einem „Flüchtlings-Fukushima“ sich von der herrschenden Meinungsmanipulation in Scharen abwenden. Derzeit ist das nicht in Sicht, also freut man sich über die Stimmen wie von Sloterdjik oder anderer, die als Rentner, im Ruhestand – wie Schröder oder ehemalige Bundesverfassungsrichter ihr kritisches Stimmchen erheben. An den Schalthebeln der Macht heisst es dagegen: Immer feste weiter so!

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